Verändert Künstliche Intelligenz die Zukunft der Musik?

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Mit neuster Software und Programmen, die Künstliche Intelligenz nutzen, könnten Musiker auch Computer komponieren lassen. Werden originäre Künstler in Zukunft überflüssig? Antworten von Musikexperten.
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Im August diesen Jahres zelebrierte YouTube-Star Taryn Southern den kommerziellen Start ihres Debüt-Albums "I AM AI", das sie mit Hilfe von Computersoftware für Künstliche Intelligenz (KI, engl. AI für "Artificial Intelligence") produziert hat. Sie benutzte dafür ein Programm namens "Amper", eine Open-Source-Software für Komponisten und Musikproduzenten.
In einem kreativen Prozess, der die in den Computer eingespeisten Informationen verarbeitet - die Länge des Musikstücks, das Tempo und die Tonart, lässt sich Southern von der Software die Komposition herstellen und produzieren. Anschließend arrangiert sie verschiedene Teile des Stücks noch einmal neu, um am Schluss dann den fertig strukturierten Song zu erstellen. Ihr Debüt wurde deshalb als "erstes Album, das vollständig mit Künstlicher Intelligenz produziert wurde", gefeiert.
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Revolutionäre Technologie?
So aufregend das auch klingen mag: Einige Experten für das Komponieren mit Algorithmen sind alles andere als beeindruckt. "Die Leute haben schon früher mit Computer-generierter Musik experimentiert, im Grunde seit es den 'Push Button' gibt - und das war bereits 1956", sagt Dr. Nick Collins, Autor einer Reihe von Büchern über diese innovative Musikrichtung. Er ist Mitgründer von "Chorch Punch", einem Independent-Label, das Algorithmen-basierte Musik herausbringt. "I AM AI" sei also "nicht das erste KI-Album", stellt der Musikexperte klar.
Der Klangkünstler und Musiker Brian Eno, der den Terminus "Computergenerierte Musik" geschaffen hat, arbeitet schon seit den 1990er Jahren mit Algorithmen und der Technologie der Künstlichen Intelligenz. Und das sehr erfolgreich. Doch obwohl Eno bereits eine Anzahl von Alben mit Hilfe dieser KI-Programme und einer speziellen Applikation (Scape) für diese "Ambient Music" komponiert und produziert hat: Die Technologie hinter der Open-Source-Software "Amper" ist eine andere. Teil dieser neuen Welle von KI-Musikkompositionen und -produktionen auf dem Markt sind Startups wie "Jukedeck", "Groov.Al" und "Humtap". "Amper" ist ein On-Demand-Programm, das preiswert lizenzfreie Songs für jedermann zur Verfügung stellt - für Produzenten von Musikvideoclips bis hinzu Werbetreibenden für Online-Marketing.
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Sorge vor kreativer Ausbeutung
Wie viele technologische Revolutionen erzeugt Künstliche Intelligenz auch Angst vor störanfälligen technischen Neuerungen, vor Wiederholungen und Raubkopien innerhalb jedes Industriezweiges, der damit in Berührung kommt. Für unabhängige Komponisten und Musikproduzenten, die mit ihrer Original-Musik arbeiten, erscheint es so, als könne eine App ihre Arbeit als Künstler und Musiker für weniger Geld und in viel kürzerer Zeit reproduzieren.
John Groves, CEO von "Groves Sound Communications" und ein internationales Schwergewicht in Sachen anwendungsorientierter Musik für Werbung, macht sich keine Sorgen wegen der KI-Applikationen: "Das wird sich in die Musikindustrie einschleichen wie alle anderen computertechnischen Neuerungen", sagt er. "Aber wir werden damit gut fertig, wenn wir begreifen, dass die kreativen Möglichkeiten, die sich da eröffnen, die negativen Auswirkungen wettmachen."
Buchautor Collins erinnert an die weitverbreitete Furcht vor neuen Technologien in der Musikindustrie: "Das kommt mir so vor wie die Proteste der Musiker- und Komponisten-Gewerkschaft in den 1980er Jahren, die gegen die Verwendung von MIDI-Computern (Musical Instrument Digital Interface) protestierten", merkt er an. "Aber schaut euch die ganzen kreativen Möglichkeiten an, die aus dieser Technologie musikalisch erwachsen sind." (Pink Floyd, Kraftwerk etc., Anm. d. Red.)
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Starke Musik: Computerspiel "Shadow Tactics Blades of the Shogun"
Valerio Velardo, CEO von "Melodrive", einer Startup-Firma, die als Pionier für Computerspiel-Musik unterwegs ist, behauptet sogar, dass wir uns quasi am Vorabend der nächsten Demokratisierungswelle innerhalb der Kreativ-Industrie befinden. "Heutzutage hat fast jeder eine Digitalkamera in erstklassiger Qualität in seinem Smartphone, aber das heißt doch noch lange nicht, dass dadurch die erstklassigen Profi-Fotografen verschwunden sind", sagt er. "Genauso wird es mit der Künstlichen Intelligenz (KI) sein. Ich bezweifele, dass die Rolle der Komponisten durch diese neue Technologie Schaden nimmt."
"Musik birgt schon in sich Probleme", sagt der Musikforscher Steven Jan von der Universität Huddersfield im DW-Interview. "Sie ist eine der kognitiv, mechanisch und emotional anspruchsvollsten Aktivitäten der Menschheit, die es einem Computer äußerst schwer macht, sie zu reproduzieren."
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Hochkreative Computer
"Wir befinden uns immer  noch im Stadium der explorativen Kreativität", sagt Velardo von "Melodrive". Er weist darauf hin, dass KI-Systeme lernfähig und in der Lage sind, innerhalb der Grenzen eines konzeptionellen Raums zu funktionieren. Dadurch könnten sie letztendlich jeden Musikstil imitieren. Doch transformierbare Kreativität oder die Fähigkeit, neue Musikstile technisch ohne konzeptionelle Grenzen zu kreieren, das liege offenbar noch in weiter Ferne, sagt Velardo und nennt das den "heiligen Gral der Computerkreativität".
Welche Auswirkungen wird die Weiterentwicklung der KI auf die Musikindustrie haben? Der CEO der Firma "Amper", mit der auch YouTube-Star Taryn Southern komponiert, empfiehlt, "die Messlatte niedriger zu hängen", damit  weiter kreative Visionen entwickelt werden. Doch wird das zu mehr vorgefertigter Musik führen? Der Spezialist für Algorithmen, Nick Collins, sieht das nicht so. Er weist vielmehr darauf hin, dass es "genug unterschiedliche Programmierer an unterschiedlichen Projekten" gebe, die dieses vielfältige Arbeitsumfeld erst entwickeln.
Aber werden Künstler irgendwann vielleicht überflüssig? Pascal Pilon, CEO der Startup-Firma "Landr", die Big Data und automatische Lernmaschinen für die finale Musikproduktion verwenden, glaubt nicht, dass das passieren wird. "Musik ist auch Geschichten erzählen. Und wir schätzen die Persönlichkeit eines Künstlers. Ich denke nicht, dass die Menschen Musik hören wollen, die ausschließlich von einem Computer produziert ist."
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George Sims (hm)    
http://p.dw.com/p/2mGja
Datum: 28.10.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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zagluwka
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