Tour de France - 2017 (01.07. – 23.07.2017)

Präsentationen | Sport

Zum vierten Mal in der über hundertjährigen Geschichte der Frankreich-Rundfahrt beginnt die Tour in Deutschland. Insgesamt gilt für die Strecke: weniger Berge, dafür steiler - besondere Fahrertypen sind nicht gefragt.
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Die Strecke der Tour de France 2017
Erstmals in der Geschichte der Tour de France findet der Grand Départ - die traditionelle Bezeichnung für den Beginn der Rundfahrt - in Düsseldorf statt. Damit starten zum vierten Mal nach 1965 in Köln, 1980 in Frankfurt am Main und 1987 in West-Berlin die Tour im Nachbarland. Die Rundfahrt beginnt am 1. Juli 2017 mit einem 13 Kilometer langen Einzelzeitfahren durch die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen.
Am Tag nach dem Auftaktzeitfahren wird auch die zweite Etappe in Düsseldorf starten. Diese führt durch die Altstadt zunächst zum Grafenberger Wald, wo eine Bergwertung geplant ist, weiter ins Neandertal und in den Kreis Mettmann, bevor sie nach Düsseldorf zurückkehrt. Der erste Zwischensprint wird in Mönchengladbach durchgeführt werden. Enden wird die Etappe in Lüttich.
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Wenige Zeitfahrkilometer
Fahrer und Fans erwartet bei der Tour de France 2017 eine ausgewogene Strecke, die wohl keinen Fahrertypen besonders bevor- oder benachteiligt. Lediglich die insgesamt weniger als 40 Zeitfahrkilometer sorgten für Naserümpfen bei den Spezialisten. Ansonsten ist man mit sechs Etappen für die Sprinter, drei Bergankünften und erstmals in der Geschichte der Tour  in allen französischen Gebirgsketten um viel Abwechslung bemüht.
Durchaus ungewöhnlich ist es, dass schon früh im Rennen die Königsetappe auf dem Programm steht, wenn es auf fast 5.000 Höhenmetern über den Col de la Biche, den Colombier und den Mont du Chat nach Chambéry geht. Eine durchaus komplizierte Situation für die Klassementfahrer, da zuvor kaum Zeit sein wird, die Beine und die Konkurrenten zu testen und gleich am neunten Tag die Karten auf den Tisch gelegt werden.
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Col d'Iozard: erstmals Etappenziel
Abhängig von den Zeitabständen zu diesem Zeitpunkt dürfte in diesem Jahr aber wohl der berühmt-berüchtigte Iozard zum Zünglein an der Waage werden. Der Alpen-Anstieg war schon viele Male Teil des Tour-Kurses, in diesem Jahr feiert er aber seine Premiere als Etappenziel. Das 22 Kilometer lange Zeitfahren in Marseille am vorletzten Tag bietet nochmals Gelegenheit, Rückstände aufzuholen - auch wenn es angesichts der Kürze des Kurses nicht einfach werden wird. Insgesamt müssen die Profis an 21 Tagen 3.540 Kilometer zurücklegen.
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Sarah Wiertz
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Marcel Kittel gewinnt in Lüttich

Der deutsche Topsprinter Marcel Kittel holt sich den Sieg auf der zweiten Etappe der Tour de France und schlüpft ins Grüne Trikot. Und das, obwohl auf der Zielgeraden in Lüttich nichts nach Plan verläuft.
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Sekunden nach der Zieldurchfahrt kauerte Marcel Kittel auf dem Boden und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Gerade hatte der deutsche Sprinter in Lüttich die zehnte Tour-de-France-Etappe seiner Karriere gewonnen, knapp vor dem Franzosen Arnaud Demare und seinem Landsmann Andre Greipel. Siege bei der Frankreichrundfahrt sind auch für den 29-jährigen Kittel längst keine Routine.
"Ich bin super-happy, dass ich diesen Sieg heute holen konnte", freute sich der Quick-Step-Profi nach der Ehrung. "Es war so ein toller Start mit so vielen Leuten, die uns in Deutschland zugejubelt haben. Ich wollte diesen Sieg, in Deutschland eine Etappe zu gewinnen, war das ganz große Ziel."
Dem Erfolg auf der zweiten Etappe der Tour 2017 war harte Arbeit vorausgegangen. Eine Gruppe um den US-Profi Taylor Phinney hatte sich bald nach dem Start in Düsseldorf abgesetzt und war stundenlang mit zwei bis drei Minuten Vorsprung vor dem Feld durch den westlichsten Zipfel Deutschlands in Richtung Belgien geradelt. Ein Abstand, der für die großen Sprinterteams stets kontrollierbar schien.
Doch dann ereignete sich im Dauerregen rund 20 Kilometer vor dem Ziel ein Sturz, in den etliche Fahrer, darunter Topfavorit und Titelverteidiger Chris Froome verwickelt waren. Der Pulk reduzierte das Tempo merklich, um auf die Pechvögel zu warten, die inzwischen nur noch zwei Ausreißer dagegen hielten knapp eine Minute Vorsprung auf die Verfolger.
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Durcheinander auf der Zielgeraden
Erst in den Straßen von Lüttich hatten sich die Sprintzüge formiert, der Abstand schmolz Sekunde um Sekunde. Weniger als einen Kilometer vor dem Zielstrich waren dann auch die letzten Flüchtigen gestellt, der eigentliche Sprint konnte beginnen. Der verlief aus Sicht von Marcel Kittel ziemlich chaotisch: "Unser Plan hat überhaupt nicht funktioniert, ich war alleine, kam viel zu spät und bin von Hinterrad zu Hinterrad gesprungen und an die Spitze gefahren. Und das hat irgendwie funktioniert."
Andre Greipel, immerhin Dritter und nur knapp geschlagen, konnte Kittel nur noch gratulieren: "Der Schnellste hat heute einfach gewonnen". Auch in der ewigen Bestenliste hat Greipel Kittel nun im Nacken. Hier führt Erik Zabel mit zwölf vor Greipel mit elf und Kittel mit zehn Etappensiegen. Kittel schlüpfte in Lüttich überdies als punktbester Fahrer ins Grüne Trikot.
In der Gesamtwertung verbesserte sich Kittel durch die Zeitgutschrift für seinen Tageserfolg auf Rang drei, das Gelbe Trikot verteidigte der Brite Geraint Thomas vom Team Sky, der etwas überraschend das Einzelzeitfahren zum Auftakt der Tour in Düsseldorf für sich entschieden hatte.
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Tobias Oelmaier
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Kommentar: Mehr als ein Sieg für Marcel Kittel

Aus scheinbar aussichtsloser Position sprintet Marcel Kittel zu seinem zehnten Tour-de-France-Etappensieg. Noch mehr als sein Erfolg bewegt ihn aber die gewaltige Zuschauer-Kulisse beim Deutschland-Gastspiel der Tour.
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Kurz hinter der Ziellinie sackt er zusammen. Marcel Kittel, ein Hüne mit ungewöhnlich breiten Schultern für einen Radprofi, sitzt zusammengekauert auf dem Bordstein. Der Kopf gesenkt, die Hände vor dem Gesicht, der Körper bebend vor Emotion. Schluchzend sitzt er dort für eine Weile, umringt von Kamerateams und Menschen, die seinen Namen rufen. Doch Marcel Kittel hört sie nicht, seine Gefühlswelt spielt gerade verrückt.
"Das ist ein sehr emotionaler Moment", sagt er ein paar Minuten später, als er sich wieder etwas gefasst hat. "Ich lasse es mir nicht immer anmerken, aber mich bewegt das", so Kittel, der damit aber gar nicht unbedingt seinen überlegenen Sprintsieg auf der zweiten Etappe der Tour de France in Lüttich meint, sondern etwas anderes: "Trotz des schlechten Wetters all die Leute dort zu sehen, das war für mich der größte Erfolg, noch wichtiger als der Etappensieg."
Kittel würdigt damit die gewaltige Zuschauerkulisse am Streckenrand. Nicht einmal die Optimisten im deutschen Radsport hatten bei diesem Schmuddelwetter solche Zuschauermassen erwartet. In vielen Städten bildeten sie ein dichtes Spalier für das Peloton der Tour und klatschten frenetisch Beifall - eine Atmosphäre, die Marcel Kittel überwältigte. "Es war eine großartige Erfahrung, durch Düsseldorf und Deutschland zu fahren. Es waren so viele Menschen da draußen. Das hat niemand erwartet. Es macht mich stolz, dass mein Sport in meinem Heimatland wieder respektiert wird."
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"Diesen Tag werde ich nie vergessen"
Dass dies für den 29-jährigen Sprintstar keine Selbstverständlichkeit ist, erzählt viel über die Beziehung zwischen Deutschland und dem Radsport. Die Dopingenthüllungen rund um die deutschen Teams T-Mobile und Gerolsteiner haben viel Misstrauen hinterlassen. Eine neue Generation um Kittel sowie Tony Martin, André Greipel oder John Degenkolb musste daher neben sportlichen Leistungen jahrelang Überzeugungsarbeit leisten.
"Es gab Zeiten, da haben die Zuschauer Epo-Spritzen hoch gehalten und anderen Mist", erinnert sich Quickstep-Profi Kittel im Ziel in Lüttich an eine gar nicht so ferne Vergangenheit. "Ich denke, die Leute haben verstanden, dass dieser Sport schwere Zeiten durchlebt hat und dass wir viel getan haben, um das zu ändern. Für mich als deutschen Fahrer ist das ein einmaliger Moment heute. Diesen Tag werde ich nie vergessen."
In der Tat könnte dieses Wochenende einen Wendepunkt für den deutschen Radsport bedeuten, dem zudem mit Kittels Sieg ein sportliches Happy End glückte. Nach der Enttäuschung bei Tony Martin, der das Gelbe Trikot beim Zeitfahren am Vortag knapp verpasste, erfüllte Sprintspezialist Kittel die Erwartungen. Dabei sah es in der etwas chaotischen Sprintvorbereitung auf dem letzten Kilometer lange gar nicht nach einem Sieg für den Deutschen aus.
Sein blauer Sprintzug hatte ihn verloren, doch plötzlich tauchte Kittel wieder auf der rechten Fahrbahnseite auf, nutzte den Windschatten des früh angetretenen Italieners Sonny Colbrelli und sprintete mit einer Radlänge Vorsprung vor Arnaud Démare (Frankreich) und dem deutschen Rivalen André Greipel zum Sieg. Marcel Kittel war übrigens der erste Profi, der auf einem Rad mit Scheibenbremsen - einer im Peloton umstrittenen Technik - eine Tour-Etappe gewann.
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Grün ist wohl nur eine Momentaufnahme
"Ja, ja, ja", schrie Kittel im Ziel seine Freude heraus, während sein Anfahrer Matteo Trentin bereits den Sieg DW-Interview analysierte. "Er ist wirklich ein einzigartiger Sprinter. Er kann gewaltige Wattzahlen treten und auch aus unmöglichen Situationen gewinnen." Mit seinem Sieg katapultierte sich Kittel nicht nur in der Gesamtwertung auf Platz drei (mit sechs Sekunden Rückstand auf den Führenden Geraint Thomas), sondern auch ins Grüne Trikot. Seine Chancen, dies auch in Paris noch zu tragen, schätzt Kittel jedoch als äußerst gering ein.
"Natürlich werde ich darum kämpfen. Aber die einzige Chance für einen reinen Sprinter, das Grüne Trikot zu gewinnen, ist, dass Peter Sagan krank wird", so Kittel, der daran erinnerte, dass in den Vorjahren auch vier Etappensiege nie für das grüne Trikot ausreichten. "Die ASO muss entscheiden, welchen Fahrertyp sie für das Grüne Trikot haben möchte. Momentan bevorzugt es Allrounder gegenüber Sprintern." Kittel wird so wohl erneut den Fokus auf Tagessiege im Flachland legen. Angesichts seiner momentanen Sprintstärke eine aussichtsreiche Strategie.
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Joscha Weber    
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Datum: 04.07.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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