Sommer-Lieblingsort: Der Weststrand auf Norderney

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Norderney ist eine ostfriesische Insel. Jeder Urlauber hat seinen Lieblingsstrand. Die einen mögen es einsam, die anderen stadtnah. Sabine Oelze liebt den Weststrand, das hat auch mit ihrer Familiengeschichte zu tun.
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Es fängt mit einem Problem an: Der vor einem halben Jahr im Voraus gebuchte Strandkorb steht nicht da, wo er eigentlich stehen soll. Wir müssen daher unsere Strandtaschen, Schaufeln und den Rollstuhl meiner Mutter durch den Sand schleppen. An Tag zwei unserer Woche auf Norderney ist er dann an Ort und Stelle: direkt neben dem Steg in der ersten Reihe. Das ist wichtig: freie Sicht auf die Nordsee lässt vergessen, dass hier auf Norderney im August Hochsaison herrscht. Den Weststrand kenne ich aus persönlicher Anschauung erst seit drei Jahren. Seitdem verbringen wir hier einen Mehrgenerationenurlaub: Eltern, Schwester, Söhne, Neffen.
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Weststrand als Erinnerungsort
Von Bildern und Erzählungen kenne ich den Weststrand gefühlt schon immer. Und so geht es im Strandkorb sitzend weiter mit Geschichten von früher: Meine Großmutter, Charlotte von Rücker, sommerte hier schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie logierte immer in einer Pension direkt hinter dem Weststrand, am Damenpfad. Schon alleine diese vornehm klingende Adresse ließ Norderney für mich in einen gesamt mystischen Kosmos aufsteigen, zu denen so gut wie alle Familiengeschichten meiner Mutter und ihrer Mutter gehören. Während wir im Strandkorb sitzen, geschützt vor Wind und Sonne, und aufs Meer blicken, gibt meine Mutter gerne solche Einblicke in ihr bewegtes Leben.
Meine Oma sah in Norderney einen Ort des Trostes. Kurz nach dem Kriegsende 1945 befand sich mein Großvater, ein Arzt, noch jahrelang in russischer Gefangenschaft. Keiner wusste, wie es um ihn stand und ob er je wieder zurückkehren würde. Ihre Urlaube auf Norderney, die sie mehrmals im Jahr wiederholte, waren für sie wie eine Medizin, ein Balsam für die Seele. Deutschland lag zu der Zeit in Schutt und Asche, mit der Flucht aus Berlin hatte meine Großmutter ihr Zuhause verloren. Trotz dieser traurigen Hintergründe umflort diese Fluchtgeschichten immer etwas Märchenhaftes: Sie erzählen von Orten mit fantasieanregenden Namen wie Kleinmachnow, Treuenbrietzen, Ellerbeck.
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Auf Norderney machten schon Könige Urlaub
All dieses längst Vergangene unserer Familiengeschichte wird wachgerufen am Weststrand von Norderney. Einer Insel, die selbst eine außergewöhnliche Historie atmet: Im 19 Jahrhundert zählte die Insel zur Sommerresidenz von Königsfamilien. Glanzvolle Bauten der Bäderarchitektur erinnern an diese Zeit.
Das Haus am Westrand ist ein Wahrzeichen dieser meist weiß getünchten Prachtbauweise: Es wurde 1894 von Frau Domänenrat Louise Hanebuth als vornehmes Logierhaus erbaut, im Jahr 1900 feierte Prinz Friedrich von Preußen in der "Villa Hanebuth" seinen 25. Geburtstag. Wie ein Inselwahrzeichen erhebt sich das Haus am Weststrand, nach seiner Renovierung vor ein paar Jahren wieder zu neuem Glanz erweckt - schon von Weitem am Horizont zu sehen, wenn man mit der Fähre anreist. Meine Großmutter hat es oft aquarelliert, genauso wie meine Mutter, die sich gerne den Strandkorb vom Meer wegdrehen lässt, um es mit einem Block auf dem Schoß zu malen.
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Ein Haus voller Norderney-Bilder
So existieren in meinem Elternhaus unzählige Gemälde von Norderney: Strand- und Dünenimpressionen, Sonnenuntergänge, Strandkörbe, Leuchttürme. Auch dieses Mal kommt ein guter Stapel zusammen, den meine Mutter in ihrer sommerlichen Aquarellwut produziert.
Sie reiste schon in den 1950er Jahren zum ersten Mal nach Norderney. Die ersten Pauschalreiseanbieter Touropa und Scharnow entdeckten damals die Nordsee. So kam auch mein Vater hierher, dessen Vater ebenfalls schon auf Norderney am Westrand seine Urlaube verbrachte, immer vier Wochen im September, dem sonnenreichsten Monat seiner Meinung nach. Jedenfalls soll er immer braungebrannt nach Hause zurückgekehrt sein. Und während meine Eltern von früher erzählen, die Veränderungen der Insel kommentieren, meine Söhne und ihr Cousin im Sand buddeln, mache ich mir Gedanken über Familie und Kontinuitäten im Leben, die es sich lohnt aufrechtzuerhalten. Der Weststrand ist nicht unbedingt der idyllischste Ort auf Norderney, aber einer, der für immer mein ganz persönlicher Sommerort sein wird.
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Sabine Oelze
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Datum: 06.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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