Politische Kunst auf der Istanbul Biennale

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Sollte man jetzt, in Zeiten von Terror und deutsch-türkischer Beziehungskrise, an den Bosporus reisen, um sich zeitgenössische Kunst anzusehen? Es gibt gute Gründe dafür - auf der 15. Istanbul Biennale.
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Möwengeschrei über dem Bosporus, weiße Fährschiffe, eine Kamera blickt von oben auf den Galata-Turm: Mit diesen eher friedlich-touristischen Bildern präsentiert sich die Istanbul Biennale im Internet-Trailer. Doch kann man jetzt, im September 2017, vorbehaltlos an der Istanbuler Art Week teilnehmen, der größten Kunstveranstaltung, die je in der Türkei zu sehen war? Wie muss man sich positionieren, in einer Zeit von Verhaftungen, Repression und einer Regierung, die sich offenbar das ganze Land untertan machen will? Ist da eine Türkei-Reise überhaupt zu rechtfertigen?
Um es kurz zu sagen: Man kann, ja, man sollte reisen, gerade jetzt. Auf der Istanbul Biennale (unser Artikelbild zeigt eine unbetitelte Installation des türkischen Künstlers Candeger Furtun), die noch bis zum 12. November läuft, spricht die Kunst eine subtile, aber klare Sprache und sendet Signale an die Regierung. Erstmals kam sogar der Minister für die Verhandlungen mit der EU, der früher selbst 4 Jahre Kulturminister war, auf die "Contemporary Istanbul", die wichtigste Kunstmesse des Landes, die parallel zur Biennale stattfindet. Und vielleicht ist dies, nach den Gezi-Protesten von 2013, der wichtigste Moment in der türkischen Kunst überhaupt. Jedenfalls reibt man sich im Museum Istanbul Modern und an den anderen fünf Spielorten der Biennale überrascht die Augen. So starke und so subtile Kunst hat man hier noch nie gesehen.
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Biennale international: 56 Künstler aus 32 Ländern
Zum Beispiel dieses fast 600 Jahre alte Hammam im islamisch geprägten Stadtteil Fatih, am Goldenen Horn von Istanbul. Hier hat die Künstlerin Monica Bonvicini eines der ungewöhnlichsten Werke der Biennale geschaffen: einen Nachbau der Kaaba, also des Allerheiligsten im Islam, bestehend aus schwarzen Gürteln. Schwarze Gürtel, die sich zu einem Würfel organisieren und viele Fragen aufwerfen: Erotik, Einengung, Mode, Bestrafung, Unterdrückung? Ein Kunstwerk als Kommentar zur fortschreitenden Islamisierung des Landes? Oder geht es um die Rolle der Frau im Islam?
56 Künstler aus 32 Ländern versammelt die diesjährige Istanbul-Biennale, kuratiert wird sie von dem skandinavischen Künstlerduo Elmgreen and Dragset. Ingar Dragset erklärt im Gespräch mit der DW:
"Keiner der von uns eingeladenen Künstler kritisiert direkt die politischen Ereignisse des vergangenen Jahres. Es sind ruhige Stimmen. Die Künstler wollen zusammenkommen, neue Stärke finden und eine oppositionelle Haltung vertreten. Das geschieht nicht plakativ, eher indirekt, in einer poetischen Sprache. Aber die Ausstellung gibt ein ganz anderes Bild ab als das, welches die Regierung gerne sehen würde." Es ist kein Geheimnis, dass Recep Tayyip Erdogan mit der zeitgenössischen Kunst auf Kriegsfuß steht. Künstler, Schriftsteller und Theaterleute beschimpft er gern als alkoholisiertes Kulturgesindel und wirft ihnen einen unmoralischen Lebensstil vor. Stattdessen träumt der Präsident von einer türkischen Nationalkultur.
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Flucht und Vertreibung als zentrales Thema
Wie die aussehen soll, weiß freilich kein Mensch. Es gibt in der Türkei eine gut ausgebildete Bildungselite, doch 49 Prozent der Türken, fand das Umfrageinstitut Ipsos heraus, seien noch nie im Kino gewesen, 39 Prozent hätten noch nie ein Buch gelesen, zwei Drittel noch nie in ein Theater oder einen Konzertsaal besucht. Das zu ändern ist das erklärte Ziel der Istanbuler Kulturstiftung IKVS, die die Kunstbiennale sowie diverse Jazz-, Theater und Filmfestivals ausrichtet. Die Kosten trägt eine der großen Industriellenfamilien des Landes.
Angesichts von 3,5 Millionen Flüchtlingen, die nach dem EU-Abkommen in der Türkei auf ihre Weiterreise in die Europäische Union warten, ist es nicht verwunderlich, dass Flucht, Vertreibung und Migration bei der Ausgabe der Biennale dominieren.
"Wir hatten das in keiner Weise geplant", sagt Ingar Dragset, doch inspiriere das Thema die Künstler offenbar zu starken Werken. Eine Statue aus Elfenbein hat der aus Algerien stammende Adel Abdessemed aufgestellt, nach dem weltberühmten Foto jenes vietnamesischen Mädchens von 1967, welches schreiend aus seinem von Napalm bombardierten Dorf flieht. Die weiße Plastik mit dem edlen Material („Cri") kontrastiert mit dem Elend der Situation. Das auf den Fotografen zurennende nackte Mädchen ähnelt, so bizarr das klingt, in dieser Pose einer Baletttänzerin, die ihre Arme wie Flügel ausstellt.
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Trügerische Harmonie
Der türkische Künstler Volkan Aslan zeigt ein friedliches Video, bei dem zwei Frauen zu harmonischen Klängen Blumen umtopfen, Kaffee trinken und im Bett liegen - erst am Ende erkennt man, dass sie auf einem Hausboot den Bosporus entlangtuckern und wohl auf der Suche nach einer neuen Heimat sind, einer unsicheren Zukunft entgegen.
Der 1966 in Bagdad geborene Mahmoud Obaidi hat die Seiten seiner Skizzenbücher durch Blechgitter und Metall verstärkt. In seine Malereien auf Gips, einem instabilen Material, fließen auch frühe Kinderzeichnungen ein - "Make War not Love" erzählt von Gewalterfahrung und Heimatverlust.
Olaf Metzel hat eines seiner früheren Werke recycelt: "Sammelstelle", ein abgeschlossener Raum aus Blech und Aluminium hinter einer Drehtür, war eigentlich für die Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien 1992 gedacht. Hier wird der klaustrophobische Transitraum noch einmal für die aktuelle Flüchtlingssituation aufgemotzt.
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Neue Künstlergeneration wächst heran
In einem Interview mit der Wochenzeitung "Zeit" hat Metzel vehement an seinem Engagement für die Türkei festgehalten; auch unter den verschärften politischen Bedingungen werde er sich für die Türkei engagieren. Das gilt auch für René Block. Der Galerist und Mit-Entdecker von Kunst-Heroen aus der Beuys-Generation gründete vor Jahrzehnten das deutsch-türkische Kunsthaus Tanat und leitete die 4. Istanbul Biennale. Block ist immer noch begeistert von den damals völlig unbekannten Künstlern, die jetzt die Crème de la Crème der türkischen Gegenwartskunst ausmachen.
Doch von unten wächst eine Generation nach. Zum Beispiel Burcak Bingöl, die auch in der angesehenen Galerie Zilbermann zu sehen ist, die in Berlin inzwischen eine Dependance hat. Bingöl fasziniert der öffentliche Raum. Wer genau hinschaut, bemerkt die Überwachungskameras aus feinem weißem Porzellan, die in den Straßen von Istanbul hängen. Sie sind mit Blumenmotiven verziert, wie sie im Osmanischen Reich üblich waren.Die Porzellankameras funktionieren zwar nicht; aber sie werfen ein merkwürdiges Licht auf ihre Umgebung, stellen das System realer Überwachung in Frage und blicken mit einem poetischen Auge auf die Welt.
Der Kolumbianer Pedro Gómez-Egaña taucht lieber gleich ganz in den Untergrund ab. Seine Performance spielt buchstäblich auf zwei Ebenen: Oben Tische mit Lampen, Stühlen und Wohnzimmerdekor; darunter Stahlgestänge, zwischen denen sich der Künstler im Dunkeln hin und herwindet, mit seinen minutiösen Bewegungen versetzt er die sichtbare Welt in kaum merkliche Schwingungen.  
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Kann ein Esel die Welt retten?
Erstaunlich Düsteres findet man auch auf der Kunstmesse "Contemporary Istanbul", die erstmals parallel zur Istanbul Biennale an der Art Week teilnimmt. "Meine Arbeit ist von der Hölle inspiriert, aber auch von Dantes Inferno. Ich habe früher in helleren Farben gemalt, aber die Atmosphäre in unserem Land ist apokalyptisch geworden", sagt Erkut Teriksiz von der Galerie x-ist. Er hat in einer Welt, in der es Sterne vom Himmel regnet, einen Esel gemalt, der in einer Art Labor fieberhaft an der Rettung der Welt arbeitet. Doch ob ein Esel die Welt retten kann?
Die Rettung der türkischen Demokratie sieht eher Bedri Baykam als seine Aufgabe an, das kampferprobte Enfant Terrible der türkischen Kulturszene. Der Wuschelkopf mit den grau-schwarzen Locken ist Präsident des türkischen Künstlerverbandes und der internationalen Künstlervereinigung der UNESCO.  Grummelnd und voller Empörung auf die demokratischen Rückschritte seines Landes hat er ein frühes Werk herausgekramt, die "Democracy Box": eine Bretterbude in der Größe einer Telefonzelle, in der jeder tun und lassen kann, was er will.
"Das hier ist ein Quadratmeter Freiheit", sagt er. "Man betritt diese Box, sie sieht aus wie eine Toilette oder eine Telefonzelle, und dann sieht man, dass ein Telefon drin ist. Jeder kann dort tun, was er will. Es sollen auch Pärchen hineingestiegen sein und sich geliebt haben. Oft haben sich die Leute verewigt. Ein Raum der Freiheit, wo man tun kann, was man will." 1987 wurde die Democracy Box erstmals in Istanbul gezeigt, im Atatürk Kulturzenter. Jetzt wird die Box zum Verkauf angeboten, für 500.000 Dollar (ca. 419.000 Euro). Ein Stück türkischer Demokratiegeschichte, das jetzt auf dem Kunstmarkt gelandet ist.
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Werner Bloch    
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Datum: 23.09.2017
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