Olympische Winterspiele: Das deutsche Erfolgsrezept

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Die deutschen Athleten präsentieren sich bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang von ihrer besten Seite. Welchen Einfluss hat die deutsche Sportförderung auf den Medaillenregen?
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Die Bilder, die aus Pyeongchang nach Deutschland gesendet werden, sind beeindruckend. Bis Freitag haben die Athleten der deutschen Mannschaft neun Gold-, zwei Silber- und vier Bronzemedaillen gewonnen. Es strahlt und blitzt schier überall, die Stimmung im deutschen Haus könnte kaum besser sein. Damit hatten die Athleten die deutsche Medaillenbilanz von Sotschi im Jahr 2014, die allerdings vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Leistungstiefpunkt angesehen wurde, bereits zur Hälfte der aktuellen (Olympia-) Zeit überschritten.
Doch warum ist das deutsche Team in Südkorea eigentlich erfolgreicher? "Man muss deutlich sagen, dass es hervorragend ist, wie die Sportler vor dem Hintergrund der Widrigkeiten im Vorfeld, etwa um die Doping-Verstöße, der Korruptionsprobleme und der Gesamtorganisation in Südkorea den Gegebenheiten trotzen", sagt Silke Kassner.
Die Kanutin und stellvertretende Vorsitzende der Athletenkommission im DOSB weiß bestens um die Bedeutung von Medaillen für die Sportler selbst, aber auch für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit - und wodurch diese Erfolge erst möglich gemacht werden. Die Sportförderung in Deutschland spielt dabei eine entscheidenden Rolle. "Gerade im Wintersport sind die Sportler in den öffentlichen Einrichtungen abgesichert", sagt Kassner.
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Die Bundeswehr, die Bundespolizei und auch die Deutsche Sporthilfe fördern die Sportler - allerdings unterschiedlich. Bei der Bundeswehr gibt es zum Beispiel 744 Stellen, mit deren Hilfe Spitzensportler/innen (einschließlich Trainer, Techniker und Physiotherapeuten) als Sportsoldaten/innen gefördert werden. Dort sind sie angestellt und erhalten den üblichen Lohn, müssen aber keinen Dienst wie ein "normaler" Soldat leisten, sondern können sich voll auf ihren Sport konzentrieren.
"Diese Stellen sind fraglos attraktiv. Da die Athleten in einem Status sind, in dem sie sich hoch professionell auf die Wettkämpfe vorbereiten können. Im Anschluss gibt es aber kaum berufliche Absicherung. Diesen Weg einzuschlagen hat auch viel mit Idealismus zu tun. Man muss danach schauen, wo man bleibt", sagt Athletensprecherin Kassner. Rund die Hälfte der insgesamt 153 deutschen Athleten in Pyeongchang sind in den Sportfördergruppen der Bundeswehr beschäftigt.
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Nur eine Goldmedaille bringt einen Geldsegen
Auch bei der Bundespolizei gibt es ein ähnliches System wie bei der Bundeswehr. Allerdings setzt diese Behörde grundsätzlich auf ein duales System und bindet die derzeit verpflichteten 85 Spitzensportler neben ihren professionellen Trainingsmöglichkeiten in einen langfristigen Ausbildungsprozess ein, nach dem sie sich Beamte im mittleren Polizeivollzugsdienst nennen können. Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein etwa hat diesen Weg eingeschlagen. In Pyeongchang ist die Bundespolizei mit 23 Athleten vertreten.
Die deutsche Sporthilfe ist der klassische Förderer der Kaderathleten, die dort alle einen Basisversorgung bekommen (Unfallversicherung, kostenfreie Seminare, etwa zum Bewerbungstraining und Zugang zu einem Karriereportal). Zusätzlich gibt es auch noch finanzielle Leistungen, die je nach Leistungsstärke zwischen 300 (Bundeswehr und Bundespolizei nur die Hälfte) und 1000 Euro monatlich variieren können.
"In Deutschland ist es so, dass alleine eine Goldmedaille bei Olympia das Einkommen eines Sportlers erhöht. Nicht mal ein WM-Gewinn ist dabei hilfreich", sagt Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln, der in einer Studie Effektivität und Effizienz der öffentlichen Sportförderung untersucht hat. Deshalb könnten sich nur die wenigsten und lediglich die Top-Sportler ein finanzielles Kissen für die Zeit nach der Karriere anlegen. Alle übrigen müssen in der Folge noch einen anderen Beruf ausüben.
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Zivile Einrichtungen gefordert
Eine Sportförderreform ist seit der Ergebnisse von Sotschi in der Diskussion, aber noch nicht umgesetzt. Die bestehenden Fördermöglichkeiten sollen nach Wunsch der Athleten zudem um zivile Einrichtungen erweitert und die Berufsausbildungs-Programme verbessert werden, damit die Sportler nach ihrer Sport-Karriere möglichst nahtlos in eine berufliche Karriere umschwenken können.
In dieser Frage gebe es noch erheblichen Nachholbedarf, zumal Sponsoring aus der Wirtschaft oder privates finanzielles Engagement bei vielen Randsportarten kaum existent seien und die Sportler ihren Alltag kaum finanzieren könnten. "Deshalb verlieren wir auch viele Talente, weil sie ihre Opportunitäten kennen und sich eher auf das Leben ohne Leistungssport vorbereiten", sagt Kassner.
Die Athletensprecher seien daher in intensiven Gesprächen mit der Bundespolitik aber etwa auch mit der Bundeswehr. Beide Ansprechpartner hätten für dieses Ansinnen ein offenes Ohr gezeigt, sagt Kassner: "Wir müssen die Förderungsmaßnahmen weiter entwickeln, sonst kommen wir nicht weiter." Denn eines ist für die Athletensprecherin besonders von Bedeutung: "Wichtig ist für unsere Sportler weiterhin, frei entscheiden zu können, welchen Weg sie einschlagen wollen", sagt Kassner.
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Jörg Strohschein    
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Datum: 21.02.2018
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