Norwegen Rad WM 2017 in Bergen

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Niederländischer Doppelsieg im WM-Zeitfahren

Die Niederländerinnen Annemiek van Vleuten und Anna van der Breggen dominieren das WM-Zeitfahren in Bergen. Die deutschen Starterinnen - einst die Messlatte in dieser Disziplin - fahren hinterher und geben Rätsel auf.
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Eine oranje-farbene Triumphfahrt durch Bergen: Annemiek van Vleuten hat das WM-Zeitfahren vor Olympiasiegerin Anna van der Breggen gewonnen, die sich um 12,16 Sekunden geschlagen geben musste, den Oranje-Doppelsieg aber perfekt machte. Auf Platz drei folgte Katrin Garfoot aus Australien (+18,93 Sekunden). An der Spitze eine knappe Angelegenheit - doch die deutschen Starterinnen fuhren weit hinterher.
Im Frauenrennen der Straßenrad-WM im norwegischen Bergen erlebten Ex-Weltmeisterin Lisa Brennauer (Durach) und Trixi Worrack (Erfurt) auf den Plätzen 12 und 17 eine heftige Pleite. Brennauer verlor 1:48 Minuten auf die niederländische Siegerin Annemiek van Vleuten, Worrack bei ihrer zehnten WM-Teilnahme mehr als zwei Minuten. "Ich habe mich heute nicht gut gefühlt, am Berg war ich zu langsam. Ich habe keinen Druck auf die Pedale bekommen", sagte Worrack. Auch Brennauer, die im Vorfeld noch Zuversicht ausgestrahlt hatte, lag bereits bei der ersten Zeitmessung nach drei Kilometern weit zurück. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) war letztmals bei den Titelkämpfen 2006 in Salzburg in den Zeitfahr-Disziplinen ohne Medaille geblieben.
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Kann Tony Martin die Bilanz retten?
Eigentlich ist Deutschland - auch aufgrund guter Ausbildung im Nachwuchsbereich - ein Land der Zeitfahrer. Bei den Frauen ist aber derzeit wenig Spitzenpersonal in Sicht: Erstmals seit 2006 könnte der BDR in der einstigen Domäne ohne Medaille bleiben. Nach der Pleite der Frauen ist Rekord-Weltmeister Tony Martin der letzte Hoffnungsträger. Zuvor waren in den Juniorenklassen sowie bei den U23-Männern die Podestplätze - wenn auch teils knapp - verpasst worden. Ein sicherer Medaillenkandidat wäre eigentlich Martin, doch aufgrund des schweren Profils rechnet sich der viermalige Champion für Mittwoch allenfalls Bronze aus. "Der Knackpunkt ist nach wie vor die Strecke, da werden auch die besten Beine der Welt nichts daran ändern, dass ein Chris Froome und ein Tom Dumoulin Weltklasse-Kletterer sind und ich eben nicht", sagte Martin angesichts des Schlussanstiegs über 3,4 Kilometer mit durchschnittlich 9,1 Prozent Steigung.
Im Juniorenrennen belegte der Berliner Juri Hollmann hinter dem britischen Sieger Thomas Pidcock sowie dem Italiener Antonio Puppio und dem Polen Filip Maciejuk den vierten Platz. Ähnlich war es tags zuvor Juniorin Hannah Ludwig ergangen. Bei den U23-Männern waren die deutschen Starter chancenlos, zumal Nachwuchshoffnung Lennart Kämna auf einen Einsatz verzichtet hatte. Nun also Norwegen-Fan Martin, dem die die bergigste Zeitfahrstrecke seit vielen Jahren aber zu schaffen machen dürfte. Immerhin sei der "worst case" nicht eingetreten, berichtete der 32-Jährige von den ersten Trainingsfahrten. So schwer der Berg auch ist, ist er doch relativ gleichmäßig im Anstieg. Keine extremen Rampen, die Gift für Martins Fahrweise wären. So ist die Marschroute für den nur 31 Kilometer langen Kampf gegen die Uhr klar. Bis zum Fuße des Berges will Martin die Bestzeit hinlegen, um dann bei der Kletterpartie so wenig Zeit wie möglich zu verlieren.
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Joscha Weber
jw/sti (mit sid/dpa)
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Tom Dumoulin holt WM-Gold im Zeitfahren

Erstmals endet das WM-Zeitfahren mit einem Schlussanstieg - und der liefert viel Spektakel: Tom Dumoulin zeigt am Mount Floyen im norwegischen Bergen das größte Stehvermögen - andere Favoriten scheitern an seinen Hängen.
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Einfahrt in den rot-blau-weißen Tunnel: Am Fuße des Mount Floyen tauchen die Fahrer ein in ein Fahnen- und Menschen-Meer mit ohrenbetäubender Kulisse. Auf einem schmalen Sträßchen geht es in engen Serpentinen steil bergan, links und rechts stehen frenetisch anfeuernde Norweger in Regenjacken. Es regnet, natürlich, will man sagen, denn in Bergen regnet es an 248 Tagen im Jahr - Europarekord. Aber der Stimmung schadet das überhaupt nicht. Die Norweger feiern jeden Fahrer, der sich den neun Prozent steilen Schlussanstieg hinaufschindet. Wie im Wintersport erleben auch die Athleten der Rad-WM ein faires, extrem begeisterungsfähiges Publikum, das den kleinen Mount Floyen an diesem Tag zu ihrem Alpe d'Huez macht.
Und natürlich gewinnt an so einem Berg am Ende ein Holländer: Tom Dumoulin feiert seinen ersten Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren - mit einer überlegenen Vorstellung. Mit knapp einer Minute Vorsprung verweist er am Ende den ehemaligen slowenischen Skispringer Primoz Roglic (+ 57,79 Sekunden) und den britischen Tour- und Vueltasieger Chris Froome (+ 1:21,25 Minuten) sogar mit mehr als einer Minute auf die Plätze. Auf dem 31 Kilometer langen und anspruchsvollen Parcours benötigt der Niederlädner nur 44:41,00 Minuten und darf über Gold jubeln.
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Dumoulin peilt die dritte Medaille an
"Das ist fantastisch. Ich hatte einen tollen Tag", freute sich Tom Dumoulin später im Ziel, dessen Wattmesser unterwegs ausfiel - eigentlich ein klarer Nachteil, weil das Kontrollinstrument fehlt. Es kam aber noch ein weiteres Problem hinzu: Die Topfavoriten in der letzten Startgruppe fuhren im Trockenen los, unterwegs setzte Regen ein. "In jeder Kurve ist mein Rad etwas gerutscht, weil ich die Zeitfahrreifen aufgezogen hatte und es im Regen rutschig wurde", sagte der Gewinner des diesjährigen Giro d'Italia, der nach WM-Gold im Team- (mit seinem deutsch-niederländischen Sunweb-Rennstall) und Einzelzeitfahren immer noch nicht satt ist: Auf die Frage, ob er seinen Sieg nun feiern werde, entgegnete Dumoulin: "Ich möchte mich auf das Straßenrennen konzentrieren." Auch in diesem Rennen am Sonntag hat er Medaillenchancen. Die Niederländer setzen damit ihre goldene WM-Bilanz fort.
Die hatte sich für das Zeitfahren auch Titelverteidiger Tony Martin ausgerechnet - wenngleich mit der Einschränkung, dass dies nicht sein Kurs sei. Der Deutsche kritisierte den kurzen und bergigen Kurs als zu schwer und stellte sich dennoch der Herausforderung. Am Ende war es wohl der Schlussanstieg sowie der einsetzende Regen, der ein besseres Resultat von Martin verhinderte. Tom Dumoulin war aber so oder so an diesem Tag für den Katusha-Profi Martin außer Reichweite.
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Martin schon vor dem Floyen geschlagen
Der viermalige Weltmeister mit Wohnsitz in der Schweiz belegte in 46:20,88 Minuten den neunten Platz und verlor damit das Regenbogentrikot. Martin, der als letzter Fahrer startete, war zwischenzeitlich Zweiter, ging aber nur mit der sechsbesten Zwischenzeit in den 3,4 km langen Zielanstieg zum Gipfel des Floyen. Dort konnte er seine Qualitäten im Kampf gegen die Uhr angesichts des durchschnittlich 9,1 Prozent steilen Berges aber nicht ausspielen. Auch die anderen beiden Starter des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) zeigten ein solides, wenngleich nicht überragendes Rennen: Nikias Arndt belegte in 46:57,05 Minuten den 19. Rang, Jasha Sütterlin beendete das Rennen in 48:09,07 Minuten auf dem 35. Platz.
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Joscha Weber    
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Datum: 23.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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