Lebensart: Der Welttag des Kusses

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Der Küsse-Knigge zum Welttag des Kusses

Begrüßt man sich in Deutschland per Handschlag oder mit einem Kuss? Oder vielleicht sogar mit zwei Küssen? Wem man die Wange hinhalten darf, das bleibt für unsere US-amerikanische Kollegin Courtney Tenz ein Mysterium.
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Als ich vor elf Jahren nach Deutschland kam, war ich sehr überrascht über die Handschläge, die hier und da verteilt wurden. Der erste Termin bei der Bank begann mit einem Händeschütteln. Ebenso bei meinem Immobilienmakler. Auch auf der  Arbeit reichten mir die neuen Kollegen wie selbstverständlich die Hand. Sogar meine Yoga-Lehrerin streckte mir bei meinem ersten Kurs den Arm entgegen.
Händeschütteln, so lernte ich, gehört in Deutschland zur formalen Begrüßung. Wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière in seinen zehn Abhandlungen zur deutschen Leitkultur im vergangenen April schrieb: "Wir geben uns zur Begrüßung die Hand." In den USA habe ich selten die Hand geben müssen – vielleicht, weil ich eine Frau bin oder weil ich mich bis dahin selten in einem professionellen Umfeld bewegt habe. In Deutschland muss ich dagegen darauf achten, meine rechte Hand jederzeit für den Fall einer neuen Bekanntschaft frei zu halten.
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Bisou-Bisou: Begrüßung à la française
Als ich alle Vorstellungen hinter mich gebracht und ich mich an das Händeschütteln gewöhnte hatte, stellten sich für mich neue Probleme: die lockere Begrüßung. Während der Handschlag mir im beruflichen Umfeld schon steif vorkam, fühlte er sich auf Partys einfach nur komisch an. Wie begrüßt man sich, wenn man die Leute besser kennt?
Es stellt sich heraus, dass die Deutschen sich inzwischen eine Scheibe von den Franzosen abgeschnitten haben. Statt mir die Hand anzubieten, geben mir meine Bekannten und Freunde nun Luftküsse auf meine Wangen - erst die rechte, dann die linke. Beim ersten Mal hat mich das ein wenig geschockt - die meisten empfinden die Deutschen als zu steif für diese Geste. Trotzdem scheint "soziales Küssen" en vogue zu sein. Ich verstehe auch, warum: Es macht wesentlich mehr Sinn, engen Freunden diese Art von Zuneigung zu zeigen als die Hand auszustrecken.
Gleichzeitig hat diese Form der Begrüßung in mir viele Fragen geweckt, die sich vor allem darum drehten: Wer bekommt Küsschen und wer den Handschlag?
Bei einigen Freunden, vor allem Amerikanern, ist für mich die Antwort klar: weder noch. Oft verdrehen wir die Augen über das sogenannte "europäische Auftreten". Ein Lächeln und ein kurzes Nicken reichen schon zum Gruß. Bei meinen Freunden aus Lateinamerika, Italien oder Frankreich weiß ich, dass mich Küsse erwarten – das ist Teil ihrer Kultur. Bei den Deutschen bin ich mir immer noch unschlüssig.
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Lern die Regeln, bevor du dich blamierst!
Mit meiner Unsicherheit bin ich nicht allein. Als ich meinen Freundeskreis fragte, wie sie zwischen Kuss und Handschlag entscheiden, konnte mir keiner antworten. "Wenn du in Erfahrung bringst, welche Regeln es dafür gibt, sag Bescheid", sagte einer.
Eine andere Freundin meinte, dass sie ihre Entscheidung immer von Fall zu Fall treffe. Außerdem würde sie Küsschen ausschließlich gute Freunden des gleichen Geschlechts geben. "Ich würde niemals einen männlichen Freund so begrüßen", sagte sie.
Das schien mir merkwürdig, wenn ich bedenke, dass meine beste Freundin mir bisher nie einen Kuss auf die Wange gegeben hat. Dagegen verteilt der Ehemann einer anderen Freundin bei jeder Begegnung Küsse. Obwohl dies sicherlich keine romantische Geste ist, frage ich mich, ob er einen anderen Mann auch so begrüßen würde. Die Ost-Deutschen hatten schließlich den sozialistischen Bruderkuss auf den Mund als Bestandteil ihrer Traditionen. Männer sind also nicht nur auf den Handschlag beschränkt.
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Der berühmte sozialistische Bruderchef zwischen Breschnew und Honecker
Laut Rainer Walde, einem Etikette-Experten und Herausgeber von "Der Große Knigge", sind die Regeln ganz einfach: Wangenküsse sind auf Familie und Freunde, Personen, die man mag oder mit denen der Körperkontakt okay ist, beschränkt. Niemals, so Walde, soll man Küsse in die berufliche Welt übertragen, da zu viel Raum für Missverständnisse besteht.
Dieses Potential für Missverständnisse erklärt, warum sich die deutsche Kniggegesellschaft im Jahr 2011 für ein Kussverbot am Arbeitsplatz ausgesprochen hat, selbst für die freundschaftlich gemeinten Küsse. Auch wenn das Verbot sich offiziell nicht durchgesetzt hat, sind sich die meisten Etikette-Ratgeber einig, dass der Wangenkuss nur außerhalb des Büros seinen Platz findet. Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Macron in Zukunft wohl immer noch mit zwei Küssen begrüßen werden, empfiehlt der Knigge für Arbeitskollegen nach wie vor den Handschlag. Und der ist ja auch typisch für die Deutschen.
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Courtney Tenz    
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Unvergessliche Küsse zum Weltkusstag

Der Welttag des Kusses wird nicht überall auf der Welt so gefeiert wie in westlich geprägten Kulturen. Dabei gibt es so schöne Küsse aus Kino, Kunst und dem echten Leben, wie unsere Galerie zeigt.
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Manche Küsse haben schon die Welt bewegt. Etwa der erste Kuss, der je in einem Film gezeigt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts war der kurze Schmatzer ein Aufreger, der einerseits die Moralwächter auf den Plan rief, aber andererseits die Leute so neugierig machte, dass sie in Scharen zu den Vorführungen kamen.
Heute wird geknutscht, was das Zeug hält, egal welchen Geschlechts das Pärchen ist. Natürlich gibt es immer noch viele Menschen, die verschämt weggucken, wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen küssen. Größtenteils aber gehört das mittlerweile zur Normalität. Hier.
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Skurrile Kussverbote
Woanders auf der Welt gibt es Orte, an denen man für einen kleinen, harmlosen Kuss ins Gefängnis kommen kann. In Dubai etwa. Dort ist ein Kuss in der Öffentlichkeit strikt verboten, wie in den meisten arabischen Ländern oder in Malaysia, Kuala Lumpur und Indonesien. Selbst in Russland wird es nicht gerne gesehen. Für romantische Flitterwochen sind diese Länder eher ungeeignet.
Manche Bundesstaaten der USA sind bekannt für besonders skurrile Anti-Kuss-Gesetze. So ist es etwa in Colorado einem Mann nicht gestattet, seine schlafende Frau zu küssen. In Nevada dürfen Männer überhaupt gar nicht küssen, wenn sie einen Bart tragen. In Minnesota herrscht Knutschverbot nach übermäßigem Knoblauchverzehr. In Connecticut und Michigan ist es Paaren untersagt, sich "am Tag des Herren" (Sonntags) oder noch schlimmer: vor einer Kirche zu küssen.
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Medizinisch ganz und gar unbedenklich
Während die Kussverbote also in streng religiösen Ländern durchaus ernst zu nehmen sind, werden die alten Gesetze aus den USA sicherlich nicht mehr ernsthaft angewandt. Schließlich passt sich moderne Kusskultur auch dem (westlichen) Zeitgeist an. Inzwischen haben unzählige wissenschaftliche Studien wichtige Erkenntnisse über den Austausch von Körperflüsigkeiten gebracht:
Küssen macht schlank. Küssen macht gesund, ist gut für die Haut, fördert die Durchblutung. Selbst die Übertragung schädlicher Bakterien beim Kuss kann das Immunsystem stärken. Küssen macht glücklich durch einen hohen Ausstoß an Serotonin, Endorphinen und Adrenalin. Menschen, die viel küssen, haben mehr Erfolg im Beruf. Manche Philematologen, also Kussforscher, wollen auch herausgefunden haben, dass Menschen, die viel küssen, weniger Autounfälle haben.
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Gefahren des Küssens
Wirklich gesundheitsgefährdend sind Küsse nur dann, wenn einer der Partner bestimmte Bakterien im Speichel hat, die das Immunsystem des anderen nicht bekämpfen kann. Das jedoch kommt selten vor.
Vorsicht ist bei Epidemien angesagt: Wegen der Schweinegrippe im Jahr 2009 griff man selbst im kuss-liberalen Deutschland zu drastischen Mitteln. Auf dem Heavy Metal Festival in Wacken, wo bis zu 80.000 Leute zusammen feiern, war Küssen verboten, damit sich die Krankheit nicht weiter verbreitete.
Eine weitere, nicht zu unterschätzende "Gefahr" birgt lange und intensive Knutscherei: Die Nervenenden von Lippen und Zunge leiten die Reize über das zentrale Nervensystem direkt in die Geschlechtsorgane. Ist der Kuss besonders zärtlich und ausgiebig, sollte das Pärchen schnellstmöglich ein Séparée finden, wo es ungestört ist.
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Nur in der halben Welt so populär
So selbstverständlich der Kuss als Liebesbekundung in Europa ist - in vielen Ländern spielt der Kuss eine weniger wichtige Rolle. Eine Studie von 2015 hat 168 Volksgruppen aus allen Kontinenten auf ihr Verhältnis zum "romantischen" Kuss untersucht. Dabei sind die US-Forscher aus Indiana zu dem Ergebnis gekommen, dass mehr als die Hälfte der untersuchten Ethnien dem Kuss nur eine geringe bis gar keine Bedeutung beimessen. Zu ekelig, zu erotisch. Vorsichtig vermuten die Forscher, dass die Freude am Küssen mit dem sozialen Gefüge zusammenhängt, in dem die Menschen leben. Denn in stärker industrialisierten Gegenden wird mehr geküsst als in manchen entlegenen Waldgebieten des Amazonas etwa.
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Silke Wünsch
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Datum: 09.07.2017
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