Le Tour de France 2017: Deutsche Bilanz

Präsentationen | Sport

Grand Départ als Mutmacher

André Greipel verpasst den Coup auf den Champs-Élysées im Schlusssprint nur knapp. Marcel Kittel sticht heraus, Tony Martin enttäuscht - die Tour de France fällt aus deutscher Sicht sehr unterschiedlich aus.
***
André Greipel schüttelte nach dem unglücklichen Ende einer frustrienden Tour de France genervt den Kopf, Chris Froome ließ auf den letzten Kilometern zum vierten Gesamtsieg mit den Sky-Kollegen Champagner-Gläser kreisen. Mit dem Ende der deutschen Erfolgsserie auf den Champs-Élysées und der Triumphfahrt des britischen Dominators hat die 104. Frankreich-Rundfahrt in Paris ihren Schlussakkord erlebt - drei Wochen nach dem rauschenden Auftakt in Deutschland.
"Super, Platz zwei, na toll", sagte Greipel sarkastisch, nachdem er den "wichtigsten Sprint des Jahres" knapp gegen den niederländischen Sieger Dylan Groenewegen verloren hatte: "Natürlich bin ich nicht zufrieden, ich wollte hier gewinnen." Vor hunderttausenden Zuschauern, darunter als "Fan" der ausgestiegene Marcel Kittel, wurde es nichts mit dem sechsten deutschen Erfolg und Greipels erstem bei der Tour 2017.
***
Greipel und Martin verfehlten hoch gesteckten Ziele
Auch für Tony Martin war es eine Tour zum Vergessen. Marcel Kittels Freude über fünf Etappensiege endete ebenfalls mit einer Enttäuschung. Während sich Kittel mit seinem Fünferpack in die Rekordbücher sprintete, verdiente sich Christian Knees als verlässlicher Helfer die Dankbarkeit von Gesamtsieger Christopher Froome.  
Nach der schwarz-rot-goldenen Radsport-Party beim Grand Départ in Düsseldorf nahm die 104. Tour de France für die deutschen Radprofis einen höchst unterschiedlichen Verlauf. "Wir können wieder sehr, sehr stolz sein auf die deutsche Tour. Nicht nur wegen des Superstarts mit dem Grand Depart in Deutschland", sagte Kittel. "Es war ein super Jahr für den deutschen Radsport. Die Bandbreite war da, es ist nicht nur einer - bei vielen Sprints waren wir mit zwei, drei Fahrern unter den Top 10."
Gemessen an den Ergebnissen fällt die sportliche Bilanz trotz Kittels fünf Etappensiegen insgesamt aber durchwachsen aus. Weltmeister Martin ging in beiden Zeitfahren leer aus und verpasste zum Auftakt das Gelbe Trikot, der sieglose Top-Sprinter Greipel war häufig ein Schatten seiner selbst, Überraschungs-Erfolge durch Ausreißer blieben ebenfalls aus.
***
Tourstart in Deutschland als Trostpflaster für die Deutschen
Steigende TV-Quoten und der von einem begeisterten Millionenpublikum begleitete Start in Nordrhein-Westfalen dienten aber auch den Enttäuschten unter den 16 gestarteten deutschen Fahrern als Trost. "Der Auftakt in Düsseldorf war ein ganz großes Highlight, das bleibt stehen. Es war wirklich grandios, einmalig", sagte Martin.
Trost brauchte am Ende auch ein schwer geknickter Kittel, obwohl er die bislang beste Tour seiner Karriere fuhr. Fünf Siege holte der 29-Jährige vom Team Quick Step-Floors auf den ersten elf Teilstücken, er knackte den 15 Jahre alten Etappenrekord Erik Zabels und stand kurz vor dem erstmaligen Gewinn des Grünen Trikots - bis ihn ein folgenschwerer Sturz aus allen Träumen riss. Auf der ersten Alpen-Etappe kam Kittel zu Fall und musste vorzeitig aus dem Rennen aussteigen. "Dieser Sturz so kurz vor Paris ist eine große, große Enttäuschung. Aber meine fünf Siege sind und bleiben außergewöhnlich", sagte Kittel.
***
Erfolge für deutsche Teams
In den Massensprints war er nicht zu schlagen gewesen, auch die deutschen Kollegen verneigten sich vor dieser Leistung. "Marcel hat eingeschlagen wie eine Bombe", schwärmte etwa Nikias Arndt. Der 25 Jahre alte Debütant zählte zu den Gewinnern der Rundfahrt. Als Zweiter der 19. Etappe war ihm ein Etappensieg zwar nicht vergönnt, dennoch trug er als Anfahrer des Australiers Michael Matthews, dem Gewinner des "Maillot vert", maßgeblich zum Erfolg des in Deutschland lizenzierten Team Sunweb bei.
Auch das zweite deutsche Team, Bora-hansgrohe, konnte mit zwei Etappensiegen trotz der Disqualifikation von Kapitän Peter Sagan letztlich zufrieden sein. Das 24 Jahre alte Rundfahr-Talent Emanuel Buchmann aus Deutschland erzielte mit Platz 15 in der Gesamtwertung sein bislang bestes Ergebnis und weckte Hoffnungen auf mehr.
Als unermüdlicher Arbeiter war Christian Knees für Gesamtsieger Chris Froome unverzichtbar. Im Top-Team Sky schuftete der Deutsche an der Spitze des Feldes, leistete unermüdliche Nachführarbeit und verhalf seinem Kapitän so zum vierten Triumph in Paris. "Ich bin mit meinen Leistungen sehr zufrieden. Ich habe das abgeliefert, was das Team von mir erwartet hat", sagte Knees.
***
og/sw (sid)
http://p.dw.com/p/2h1qR
***
Warum Sky weiter unschlagbar bleibt

Auch wenn das Rennen um Gelb in diesem Jahr knapper verlief, bleibt es wohl beim gewohnten Bild: Am Ende der Tour de France jubelt Chris Froome in Paris. Den Ausschlag dafür gab dieses Mal allerdings nicht er selbst.
***
Kurz hinter der Ziellinie sackt Michal Kwiatkowski zusammen. Er sitzt auf dem Asphalt, lehnt sich mit dem Rücken an einen Bauzaun und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Während eine anwachsende Gruppe Reporter den Polen umlagert, nimmt der erst einmal einen tiefen Schluck aus seiner Flasche. Für die malerische Kulisse des 2360 Meter hohen Col d'Izoard hat er kein Auge. Sein Blick ist völlig leer und erzählt dennoch eine ganze Menge.
Er hat sich völlig verausgabt. Mit allem, was er hat, ist Kwiatkowski den Col d'Izoard hinaufgefahren, um seinen Kapitän Chris Froome vor Angriffen der Konkurrenz zu schützen und schwächelnde Gegner abzuhängen. Bis es nicht mehr geht. Kwiatkowski schert nach rechts aus, muss sogar kurz anhalten, sich sammeln und Luft holen, bevor er langsam weiter fahren kann. Tempobolzen bis zum Umfallen. Auf den Bergetappen der Tour ist das seine Jobbeschreibung beim Team Sky. Dabei ist Kwiatkowski selbst einer der stärksten Klassikerfahrer der Welt und war zudem 2014 Weltmeister. Er steht für das Erfolgsprinzip des Sky-Rennstalls: Erstklassige Fahrer ordnen sich Kapitän Froome unter und opfern sich vollkommen für dessen Siegchancen auf.
***
Der Faktor "Team"
Das Konzept geht auf: Bei der Tour 2017 ist der Faktor "Team" noch viel entscheidender als in den Vorjahren. Froome fährt weit weniger dominant als bisher. Er kontrolliert das Rennen zwar einigermaßen souverän, ist aber kein Überflieger mehr. In Peyragudes hängen ihn die Gegner auf dem finalen Steilstück sogar ab, er verliert das Gelbe Trikot. "Das war ein schwerer Moment für uns. Danach mussten wir hart arbeiten, die Gegner unter Druck setzen, um das Trikot zurückzuholen", sagt Kwiatkowski im Gespräch mit der DW.
Im Kollektiv isolieren sie später den Italierner Fabio Aru, der Froome das Leader-Trikot abgeluchst hatte, selbst aber kein starkes Team mehr um sich hat. Und das macht den Unterschied: Sky dominiert nicht mit dem stärksten Kapitän, sondern mit einer überragenden Mannschaft. "Wir fahren eben sehr schlau", meint Kwiatkowski, "Bardet, Uran und Aru mussten etwas versuchen, um vor dem Zeitfahren Zeit gut zu machen. Wir konnten einfach nur reagieren und das Feld kontrollieren." Und diese Taktik geht auch am Izoard wieder auf: Kein Gegner im Kampf um Gelb wird weggelassen, die Spanier Mikel Nieve und Mikel Landa sowie Michal Kwiatkowski fahren die Konkurrenz mit ihrem hohen Tempo mürbe. "Wir haben einfach unseren Job gemacht", sagt Nieve, für den der Erfolg einen simplen Grund hat: "Wir haben unglaublich hart trainiert und als Team hart auf dieses Rennen hingearbeitet."
"Sie haben das größte Team, das größte Budget, die besten Fahrer - sie sind einfach derzeit die Besten", muss Oliver Naesen anerkennen. Der belgische Meister hat mit seinem französischen AG2R-Rennstall erneut alles versucht, um am Sockel von Sky zu rütteln. Vergebens. Sein Kapitän Romain Bardet arbeitet sich zwar mit unermüdlichen Attacken auf gerade einmal 23 Sekunden an Froome heran. Doch im Zeitfahren am vorletzten Tag gilt er Froome als klar unterlegen. "Da muss man einfach sagen: 'Chapeau'. Sky investiert viel in Details und fährt dafür die Ergebnisse ein", meint Naesen im DW-Interview, der hofft, dass man sich dem Platzhirsch in den kommenden Jahren in kleinen Schritten nähern kann, weil die Sky-Profis langsam in die Jahre kommen.
***
Das Misstrauen fährt mit
Aktuell scheint die Vormachtstellung von Sky allerdings einigermaßen sicher. Mit Ausnahme von 2014, als Froome wegen Sturzverletzungen aufgeben musste, läuft der Sky-Train wie geölt. Er läuft so gut, dass manche misstrauisch geworden sind. Erst galten die errechneten Watt-Werte von Froome als mindestens suspekt, wobei die Berechnungen auf ein paar Mutmaßungen basierten. Doch spätestens seit der Affäre um ein mysteriöses Medikamentenpaket für den damaligen Sky-Kapitän und späteren Toursieger Bradley Wiggins, ziert die weißen Trikots der britischen Muster-Mannschaft ein dunkler Fleck. Auch wenn Teamchef David Brailsford vor der Tour jegliches Fehlverhalten von sich wies, bleibt die Affäre mindestens dubios. Mehr Transparenz würde den Briten sicher wieder zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.
Doch die passt nicht ins Sky-Konzept. Denn der dem Vernehmen nach jährlich mit 35 Millionen Euro finanzierte Rennstall setzt auf "marginal gains", kleine Vorteile gegenüber der Konkurrenz, und lässt sich dabei nicht gern in die Karten schauen. Ob beim Material, der Ernährung oder insbesondere der Trainingssteuerung - Sky geht eigene Wege und hütet manches Erfolgsgeheimnis wie einen Gral. So staunte die Konkurrenz beim Tour-Start in Düsseldorf nicht schlecht, als die Sky-Profis mit speziellen Aero-Polstern im Rennanzug starteten. Die Golfball-ähnliche Oberfläche soll ein paar Sekunden sparen und in der Tat fuhren Froome und Co. schneller als die Konkurrenz.
Beim Zeitfahren am vorletzten Tag in Marseille wird dieses Feature wohl wieder zum Einsatz kommen und symbolisch zeigen, dass Sky allen ein Stück voraus ist. Wenn alles nach Plan läuft, wird Chris Froome einen Tag später in Paris seinen vierten Tour-Triumph feiern. Und es spricht einiges dafür, dass dies nicht der letzte bleiben wird.
***
Joscha Weber (aus den französischen Alpen)    
http://p.dw.com/p/2guOe
Datum: 26.07.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
Aufrufe: 20
zagluwka
advanced
Absenden