Künstler zwischen Flucht und Widerstand: "Django" kommt ins Kino

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Django Reinhardt war einer der größten Jazz-Musiker aller Zeiten. Ein Film beleuchtet sein schwieriges Leben in Zeiten der NS-Diktatur. Nach seiner Welturaufführung bei der Berlinale kommt "Django" nun in die Kinos.
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Es gebe nicht allzu viele historische Filme über Sinti und Roma und deren Verfolgung während des Nationalsozialismus, hatte Hauptdarstellerin Cécile de France im Februar in Berlin über den Eröffnungsfilm des größten deutschen Filmfestivals gesagt.
Damit wies sie auf eine Leerstelle der Kinogeschichte hin: "Für diese Menschen bedeutet der Film 'Django' sehr viel", so der französische Filmstar in der deutschen Hauptstadt. "Django", das Regiedebüt des Franzosen Étienne Comar, ist historisch-politisches Kino mit Anknüpfungspunkten zum Hier und Jetzt, ein würdiger Berlinale-Eröffnungsfilm.
Django Reinhardt war ein begnadeter Jazz-Gitarrist, ein Genie an seinem Instrument. Und deshalb gibt es auch viel Musik im Film. Das ist unterhaltsam - und macht Spaß. Da Reinhardt aber als Sohn elsässischer Sinti auch einer Gemeinschaft angehört, die die Nationalsozialisten in Deutschland und Europa verfolgt und deportiert hat, hat der Film auch düstere und bedrückende Momente.
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Musikerfilm vor historischem Hintergrund
Regisseur Comar schildert die Jahre 1943 bis 1945 im Leben des Musikers: Django Reinhardt (Reda Kateb) ist ein Star in der französischen Hauptstadt, das Pariser Publikum liegt ihm zu Füßen. Die Nazis, die die Stadt besetzt halten, spüren, dass sie diesen Musiker nicht so einfach verhaften und wegschließen können. Im Gegenteil. Auch sie können sich der Virtuosität Reinhardts nicht ganz entziehen. Sie wollen sein musikalisches Genie nutzen und Reinhardt für Propagandazwecke auf Deutschland-Tournee schicken. Er soll dort gegen die "amerikanische Negermusik" anspielen.
Doch der eigentlich unpolitische und nur für seine Musik lebende Reinhardt entzieht sich dem Plan der Deutschen durch Flucht, will über den Genfer See in die rettende Schweiz. Reinhardt versteckt sich auf französischer Seite auf dem Land, versucht mit kleinen Auftritten in Gaststätten ein wenig Geld zu verdienen, um zu überleben. Die Deutschen spüren ihn schließlich auf.
Doch auch dieses Mal versuchen sie den Musiker mit einem Konzert vor deutschen Offizieren gefügig zu machen. Django Reinhardt soll spielen, um zu überleben. Die undurchsichtige Louise (Cécile de France), Geliebte von Reinhardt, die auch mit den Deutschen anbändelt, unterstützt den Musiker.
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Comar: Aktuell wurde das Thema erst in Nachhinein
"Django" sei auch ein aktueller Film, schließlich befinde sich der Musiker auf der Flucht vor den Deutschen, hatte der Regisseur Etienne Comar in Berlin nach der Premiere gesagt und damit auch auf die Situation vieler Flüchtlinge auf dem europäischen Kontinent angespielt: "Das Thema ist jetzt interessant und aktuell. Aber das war es nicht, warum ich den Film gemacht habe, das kam erst während der Arbeit."
Diese auf der Hand liegenden Parallelen zur Gegenwart hatten wohl auch Festivalchef Dieter Kosslick und sein Team angetrieben, den Film zur Eröffnung der Berlinale im Februar zu zeigen: "Django Reinhardt war einer der schillerndsten Vorreiter des europäischen Jazz und Begründer des Gypsy-Swing", sagte Kosslick.
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Dieter Kosslick: "Eine ergreifende Überlebensgeschichte"
Der Film zeige auf packende Weise ein Kapitel des bewegten Lebens des Musikers und sei eine ergreifende Überlebensgeschichte, meinte der Festivalchef der Berlinale bei der Vorstellung des Films: "Die ständige Bedrohung, seine Flucht und die fürchterlichen Gräueltaten an seiner Familie konnten ihn nicht daran hindern weiterzuspielen."
Und doch: "Django" ist weniger ein historischer Film mit sich aufdrängenden Parallelen zur aktuellen Flüchtlingswelle, als vielmehr ein Werk über einen Künstler und dessen persönlicher Gewissens-Einstellung in Krisenzeiten. "Musik bietet eine große Freiheit in politisch schwierigen Zeiten", so Comar bei der Berlinale. Das sei sein eigentliches Sujet gewesen.
Django Reinhardt sei ein widersprüchlicher Charakter, auch ein wenig machohaft, der einerseits eine große Tiefe mit seiner Musik verband, der aber auch etwas Kindliches an sich hatte. Reinhardt lebte für seine Musik. Musik und Kunst könnten aber auch Rückzugsräume sein, so Comar.
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"Django" stellt Fragen nach dem Wert der Kunst
Was kann Kunst in Zeiten der Diktatur bewirken? Wie kann und soll ein Künstler damit umgehen? Das sind die Fragen, die der Film stellt. Und die Antworten, die er dem Zuschauer mit auf den Weg gibt, sind so eindeutig nicht. Django Reinhardt entzieht sich lange klaren Entscheidungen - was natürlich nur allzu verständlich ist, angesichts der bedrohlichen Situation, in der sich Django Reinhardt befand.
Für den echten Django Reinhardt gab es damals ein glückliches Ende - er überlebte Verfolgung und Krieg. Im Gegensatz zu vielen Familienmitgliedern und den Sinti seiner Gemeinschaft. Ihnen widmete Django Reinhardt nach dem Krieg ein bewegendes Requiem. Das führte der Musiker nach 1945 auf, die Partitur ist heute nur noch in Bruchstücken erhalten.
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Packendes Finale
Gerade zum Ende hin packt "Django" den Zuschauer auch emotional - und entwickelt eine Sogwirkung, die er in den knapp zwei Stunden zuvor nicht immer zwingend durchhält. Comars Film war im Februar ein durchaus würdiger Berlinale-Auftakt, redlich inszeniert, gut gespielt, ästhetisch nicht allzu gewagt. Jetzt kommt "Django" ganz regulär in die Kinos und die Zuschauer können sich ein eigens Urteil bilden.
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Jochen Kürten
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Datum: 27.10.2017
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zagluwka
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