Gurlitt-Erbe: Auftakt der Doppelausstellung in Bern

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Viele der als “entartete Kunst” verfemten Werke galten als verschollen, bevor sie 2012 bei Cornelius Gurlitt auftauchten. Die Sammlung ging ans Kunstmuseum Bern. Jetzt ist sie erstmals zu sehen.
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Es ist eine Doppel-Ausstellung, die es in sich hat. Die "Bestandsaufnahme Gurlitt” wird zeitgleich im Kunstmuseum Bern und in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt. Große Teile des spektakulären Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt 2012 werden hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Kunstsammlung war vor mehr als fünfeinhalb Jahren beschlagnahmt worden und löste eine internationale Debatte über den Umgang mit NS-Raubkunst aus.
Den Auftakt machen am Donnerstag (2.11.2017) nun die Schweizer. Unter dem Titel "‘Entartete Kunst' - Beschlagnahmt und verkauft” werden in Bern anhand von rund 150 Werken die politischen Vorgänge, die zur Diffamierung der Moderne führten, sowie die Verfemung und Verfolgung der betroffenen Künstler dargestellt. "Wir erzählen die Geschichte der ‘Entarteten Kunst' und ordnen sie in die Kampagnen gegen die Gegenwartskunst seit Ende des 19. Jahrhunderts ein”, sagte die Direktorin des Kunstmuseums, Nina Zimmer, bei der Pressekonferenz.
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Ein schwieriger Erbfall
Der 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt hatte das Berner Museum zum Erben aller von seinem Vater zusammengetragenen Kunstwerke bestimmt. Hildebrand Gurlitt war einer der Kunsthändler Adolf Hitlers, er hatte im Auftrag der nationalsozialistischen Regierung gehandelt - auch mit Kunst, die Privatleuten gegen deren Willen entzogen worden war, so zum Beispiel "Zwei Reiter vom Strand” von Max Liebermann. Durch Lügen konnte er der Art Looting Investigation Unit nach dem Zweiten Weltkrieg entkommen, seine Sammlung von rund 1500 Kunstwerken wurde nach seinem Tod 1956 von seinem Sohn gehütet.
Mit der Annahme der Erbschaft hat Bern sich schwer getan. "Nach der Annahme folgte eine schwierige Zeit für alle Beteiligten”, so Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung Kunstmuseum Bern - Paul Klee. Die Provenienzforschung sei viel aufwändiger gewesen als gedacht, führte er bei der Pressekonferenz in Bern aus. Außerdem seien die Kosten, den Rechtsprozess zu führen, erheblich gewesen.
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Auswirkungen in der Schweiz
Zwei zentrale Auswirkungen macht Brülhart in der Schweiz aus: Die schon früher begonnene Provenienzforschung sei von den Museen wieder aufgenommen worden und werde nun konsequenter und mit mehr finanziellen Mitteln betrieben. "Die Provenienzforschung wird ernster genommen”, bekräftigt der Historiker Prof. Dr. Georg Kreis. Obwohl in der Schweiz Kultur Sache der Kantone ist, wurde letztes Jahr auf Bundesebene Geld dafür zur Verfügung gestellt. Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat 2 Millionen Schweizer Franken für Provenienzforschung in verschiedenen Museen zur Verfügung gestellt. "Ein deutliches Signal”, sagt Kreis.
Zweite Auswirkung: Es wird diskutiert, ob die Schweizer Auslegung der Washingtoner Prinzipien noch zeitgemäß ist. Bereits in den 1990er Jahren, als eine heftige Debatte um nachrichtenlose Konten von Juden in der Schweiz entbrannte, wurde die schleppende Aufarbeitung der Schweizer international kritisiert. Die so genannte "Bergier-Kommission” arbeitete im Folgenden die Vorwürfe umfassend auf. In ihrem Abschlussbericht von 1999 wurden auch das Thema Raubkunst thematisiert.
Der Basler Historiker Georg Kreis war damals Teil der Kommission und stand auch dem Kunstmuseum Bern bei der jetzigen Ausstellung beratend zur Seite. Ein Bewusstsein für das Problem war - vor allem bei den Medien - schon vor dem Gurlitt-Fund vorhanden, meint Kreis: "Sonst hätte man beim Bekanntwerden nicht sogleich überreagiert und die ganze Sammlung komplett der Raubkunst zugeordnet”. Nach jetzigem Stand hat sich bei sechs Werken der Raubkunstverdacht erhärten lassen, viele weitere Werke befinden sich noch in der Abklärung.
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Kunstmuseum Bern: Vorbild Deutschland
Rechtlich gesehen galten Raubgutforderungen nach 30 Jahren, also spätestens ab 1975, als verjährt. Die Washingtoner Prinzipien, auf die sich 1998 44 Staaten einigten, nahmen die Staaten (und ihre Museen) in die Pflicht, zweifelhafte Bestände zu prüfen und "gerechte und faire Lösungen zu suchen”.
Bis heute überwiegt jedoch in der Schweiz die Meinung, dass Restitutionen nur bei eigentlichen Konfiskationen gerechtfertigt seien. Dieser Haltung will sich das Berner Kunstmuseum nicht anschließen. Verlust des Werkes in Verfolgungszusammenhang sollte das entscheidende Kriterium für eine etwaige Restitution sein, so Brülhart: "Das Beispiel von Deutschland zeigt, dass mit einer solchen Haltung, vernünftige und faire Lösungen gefunden werden können”.
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Genauer hinschauen
Museums- und teils auch Sammlungsbestände stehen auf dem Prüfstand - nicht zuletzt, weil die Aufmerksamkeit gewachsen ist. Die Sammlung des Waffenhändlers und Kunstsammlers Emil Bührle (1890-1956) beispielsweise wurde bei einer Debatte 2015 mit dem NS-Raubkunstverdacht konfrontiert. Bevor Teile der Sammlung 2020 in einen neuen Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses ziehen, sollen die Provenienzen restlos geklärt sein und Ungeklärtes dokumentiert und der Ausstellung ergänzend beigestellt werden.
Die Massstäbe sind während der Auseinandersetzung mit dem Gurlitt-Erbe strenger geworden. Es gehe eben um mehr als nur juristische Begutachtung. "Die Holocaust-Problematik muss anerkannt werden in ihrer ganzen katastrophalen Auswirkung”, sagt Georg Kreis. "Es geht nicht nur einfach ums Geld sondern um das Anerkennen, dass ein materieller Verlust im Zusammenhang mit einer ganz großen Ungeheuerlichkeit stattgefunden hat.”
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Gemälde mit Raubkunstverdacht in Bonn
Es ist wohl kein Zufall, dass Bern sich auf die "Entartete Kunst" konzentriert hat: "Entartete Kunst” wird nur restituiert, wenn es sich um Raubkunst handelt, z.B. Leihgaben in Museen. Das ist international gängige Praxis. Juristisch sind die in Bern gezeigten Werke also unproblematisch. Das Kunstmuseum Bern werde Werke aus der Sammlung "Entarteter Kunst" großzügig an betroffene Museen ausleihen, versichert Brülhart.
Man merkt: Am Raubkunstverdacht will man sich in Bern lieber nicht die Finger verbrennen. Cézannes "La Montagne Sainte-Victoire", das eines der kostbarsten Gemälde der Sammlung ist, gilt beispielsweise als Grenzfall. Es wird vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste als Nicht-Raubkunst eingestuft, es gibt aber Provenienzlücken. Also geht es nach der Ausstellung in der Schweiz (noch hängt es nicht in Bern) wieder nach Deutschland zurück, bis die Provenienz geklärt ist.
Der heiklere Teil der Kunstsammlung wird in Deutschland ausgestellt. Bei der Bonner Ausstellung, die am Freitag (3.11.2017) eröffnet wird, liegt der Fokus unter dem Titel "Der NS-Kunstraub und die Folgen” auf der Enteignung vor allem jüdischer Sammler. Gezeigt werden 250 Werke, von denen die meisten im Verdacht stehen, Raubkunst zu sein, oder bei denen die Herkunft noch nicht hinreichend zu klären war - darunter Werke von Breughel, Beckmann und Dix.
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Julia Hitz    
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Datum: 04.11.2017
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