Gesamtkunstwerk Campus 2017 mit Konzerten

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Großes Finale in Bonn und Berlin

Mit Konzerten in Bonn und Berlin geht das diesjährige Campusprojekt der DW und des Beethovenfestes zu Ende. Mit dem Länderschwerpunkt Ukraine hatte es auch eine politische Dimension.
Der Applaus für die jungen Musiker des Campus-Konzertes am 14. September beim Beethovenfest war groß. Das Publikum feierte dabei nicht nur einen gelungenen Konzertabend, sondern auch - so die Intendantin des Beethovenfestes Nike Wagner - das "Gesamtkunstwerk Campus".
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Lwiw-Kiew-Bonn-Berlin
In zwei Probewochen in der Ukraine im August und in Deutschland im September erarbeitete das Projektorchester, bestehend aus den Musikern des Jugendorchesters der Ukraine und ihren Altersgenossen vom Bundesjugendorchester, ein ambitioniertes Programm, das in einem Konzert-Reigen in Lwiw, Kiew, Bonn und Berlin vorgestellt wurde. Unter der Leitung der charismatischen Dirigentin Oksana Lyniv entwickelte das junge Orchester eine Eleganz in der Ouvertüre des Mozart-Sohnes Franz Xaver, eine tragische Wucht in einem Werk des ukrainischen Klassikers Boris Ljatoschinsky und eine große Intensität bei Beethovens Konzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester. Dabei kam eine politische Botschaft deutlich zum Ausdruck: Die Kulturnation Ukraine gehört zu Europa.
"Das Campus-Projekt 2017 ist eine spannende Entdeckungsreise in eine Ukraine, die leider immer noch von vielen deutschen Musikliebhabern als Terra incognita Europas wahrgenommen wird", sagte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. "Die diesjährigen Campus-Konzerte des Beethovenfestes ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die musikalische Seele der Ukraine als Kulturnation, die mit großzügiger Unterstützung unserer deutschen Freunde selbstbewusst und demütig zugleich auf die musikalische Weltbühne zurückkehrt."
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Musikalische Hommage an die Ukraine   
Mit gleich zwei Uraufführungen war das Programm ein Unikum - sogar für das Beethovenfest, das sich neuen Tönen gegenüber offen zeigt. Im "Vom Mond und dem Mädchen" verarbeitete Stefan Hippe ukrainische Volkslieder, deren heitere Traurigkeit schon einmal Beethoven inspiriert hat, zu einem kunstvollen Tongewebe für Solo-Akkordeon.
Ferner komponierte Bohdan Sehin im Auftrag der DW eine poetische Hommage an das pulsierende Musikleben von Lwiw. In seinem Werk verschmelzen Fetzen von Gassenhauern vergangener Epochen zu einer vibrierenden Tonfreske. Als Zugabe gab es auf ausdrücklichen Wunsch von Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner "Das große Tor von Kiew" aus Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in einer Version für Orchester. Auch wenn es den jungen Musikern anzusehen war, dass sie noch keine routinierten Orchestermusiker sind: Das Publikum tobte zum Schluss.
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Anastassia Boutsko
http://p.dw.com/p/2k3Wn
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Aus Lwiw mit Liebe: Campus-Komponist Bohdan Sehin

Im Auftrag der DW schrieb der junge ukrainische Komponist Bohdan Sehin die Komposition "Fantasie Galician". Er greift darin die reichhaltige Folklore Galiziens auf, vor allem die der historischen Region um Lwiw.
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Bohdan Sehin wurde 1976 in der Westukraine geboren und gehört zu den originellsten Tondichtern seiner Generation. Sehins Klangsprache verbindet avantgardistische Techniken mit klanggewaltigen, flirrenden Effekten. Wichtige Inspirationsquelle bleibt für ihn dabei die reichhaltige Folklore der Westukraine, die zahlreiche Einflüsse aus den slawischen, aber auch österreichisch-ungarischen und galizischen Traditionen in sich vereint. Eine enge Zusammenarbeit verbindet Sehin mit dem Dichter Serhij Zhadan, der als Aktivist der Maidan-Bewegung und als eine der Schlüsselfiguren der freien ukrainischen Kunstszene bekannt ist.
Der Kompositionsauftrag der DW wird seit 2001 vergeben und geht jeweils an einen Komponisten aus dem Land, das im Mittelpunkt des Campus-Projektes der DW und des Beethovenfestes steht. Die DW hat Bohdan Sehin in Lwiw getroffen.
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Deutsche Welle: - Ihr Werk heißt "Fantasia Galiciana" - eine "Fantasie zu galizischen Themen" also. Galizien ist ein historisches Gebiet um Lwiw. Wofür steht das musikalische Erbe Galiziens?
Bohdan Sehin: - Vor allem für die Vielfalt, die Mehrstimmigkeit unterschiedlicher Einflüsse: ungarisch, österreichisch, jüdisch. In Lwiw existierte klassische Musik immer neben Straßenmusik, der Folklore. Eine prägende Figur war etwa Franz Xaver Mozart. Der jüngste Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart lebte und wirkte über 30 Jahre im damaligen Lemberg - fast sein ganzes Leben lang. Er gründete hier einen Chor, der bis heute existiert, er hat hier im Dom das Requiem seines Vaters an dessen 25. Todestag aufgeführt. So was prägt die Stadt bis jetzt. Daran erinnern sich die Steine sozusagen. Einmalig ist auch die Kultur des Lwiwer Batiar.
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-Was ist eigentlich ein "Batiar"?
-Batiar" bedeutet wörtlich so was wie "echter Kerl" oder "Aufreißer". Gleichzeitig bezeichnet dieses Wort eine besondere Form der städtischen Folklore, die sich in Lwiw in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte. Man kann sie mit den Hafenliedern von Odessa oder aber der Wiener Heurigenmusik (Anm. d. Red.: ein ganzer Komplex der traditionellen Musik Wiens) vergleichen, mit denen die Batiar-Tradition musikalisch eng verbunden ist. Das war, wie diese, eine eigene Subkultur.
Die Besonderheit des Lwiwer Batiar bestand darin, dass der Inhalt der Lieder häufig von scharfer politischer Satire geprägt war. Nach dem Zwangsanschluss der Westukraine an die Sowjetunion geriet der Batiar in Ungnade, war aber um so beliebter in der Stadt selbst. Das Batiar-Liedchen "So was gibt es nur bei uns in Lwiw" war und bleibt so etwas wie die inoffizielle Stadthymne.
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-In ihrem Werk werden sieben Solo-Akkordeons vom Orchester begleitet. Warum haben Sie sich für diese ungewöhnliche Besetzung entschieden?
-Das Akkordeon oder die Ziehharmonika zählt neben Geige oder Gitarre zu den typischen Batiar-Instrumenten. Mit meiner Entscheidung für eine Doppelbesetzung - eine Gruppe von sieben Akkordeons und ein unvollständiges Sinfonieorchester ohne Holzbläser - habe ich versucht, meine intuitiven Empfindungen vom Lwiw der 1920 und 30er Jahre mit meiner Sicht auf das heutige Lwiw zu verbinden. Damals wie heute ist Lwiw von musikalischen Klängen in der Interpretation verschiedenartiger Ensembles und Solisten gefüllt, die wir nicht nur - und eher selten - in Konzertsälen hören, sondern einfach auf den Straßen, in Cafes und Restaurants. Diese Musik ist eingängig, ein eigenes Genre. Diese Stadt hat ihre eigenen Vibrationen, die ich ganz besonders spüre, wenn ich durch die alten Straßen laufe, alte Häuser sehe oder alte Freunde treffe, mit denen man einen Kaffee trinkt: Lwiw ist berühmt für seine Kaffee-Kultur…
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-Ihre Komposition wird im Rahmen des Beethovenfestes uraufgeführt, und der Kompositionsauftrag der DW setzt eine Auseinandersetzung mit dem Werk Beethovens voraus. Wie haben Sie sich dem Thema angenähert?
-Beethoven ist das Alpha und Omega für jeden Musiker - auch für mich: Ich bin mit den Aufnahmen seiner Symphonien aufgewachsen: wir hatten sie auf Schallplatten mit den Berliner Philharmonikern und Herbert von Karajan. Als Pianist spiele ich auch viele seiner Klaviersonaten. Ganz besonders wichtig ist für mich aber das vokale Werk Beethovens: seine Lieder für Klavier und Singstimme, wie etwa sein berühmtes "Marmotte" Nr. 7 aus Opus 52. Dazu habe ich noch als Kind geweint. Diese Lieder sind zu Volksliedern geworden, und nicht nur in Deutschland. Wenn ich Beethovens Lieder höre, empfinde ich intuitiv die Atmosphäre der westeuropäischen Städte jener Zeit. Das wollte ich in meinem Werk irgendwie nachmachen.
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-Die Akkordeon-Solisten werden begleitet vom Campus-Projektorchester, das dieses Jahr je zur Hälfte aus Musikern des deutschen Bundesjugendorchesters und des Jugendorchesters der Ukraine besteht. Die musikalische Leitung hat Oksana Lyniv. Was bedeuten Projekte wie dieses für die Ukraine?
-Sehr, sehr viel. Ich weiß nicht, ob es in Deutschland auch so erkannt wird, aber für die Menschen hier ist es enorm wichtig. Das konnte man schon an den überfüllten Hallen erkennen. Für uns hat es auch eine politische Dimension: Die Aufnahme in den gemeinsamen Kontext der europäischen Kultur zu stellen, ist eine Anerkennung als gleichberechtigter Partner - wenn auch erst mal nur im Rahmen eines Konzerts.
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Das Gespräch führten Anastassia Boutsko und Kathrin Lemke.
http://p.dw.com/p/2jNl4
Datum: 20.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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zagluwka
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