Gelungener Auftakt des Beethovenfests in Bonn

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Dieses Jahr muss das Festival ohne die in Sanierung befindliche Beethovenhalle auskommen. Das hört man. Die Kraft der Interpretationen des russischen Mariinsky Theater Orchester verlor sich dadurch aber nicht.
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Er dirigiert mit zitternden, flatternden Handbewegungen, als hätte jede Sekunde des Musikmachens eine große Dringlichkeit - ohne dass alles hektisch oder laut wäre. Im Gegenteil: Unter der Leitung seines Chefdirigenten Valery Gergiev kann das Mariinsky Theater Orchester aus St. Petersburg die Zeit zum Stillstand bringen und "Pianissimo in Vollendung spielen", um einen Konzertbesucher zu zitieren.
Mit Rimsky-Korsakow, Wagner und natürlich Beethoven begann das diesjährige Beethovenfest. Gleich im silbrigen Violinenklang zu Beginn der Ouvertüre zu Richard Wagners Oper "Lohengrin" fällt die feine Streicherkultur dieses Orchesters auf, später die große Wärme der Holz- und die schmetternde Kraft der Blechbläser.
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Übergangslösung - aber wie lange?
Dass das World Conference Center Bonn (WCCB) eine Ausweichspielstelle ist, wird vor allem klar wenn man im Rang sitzt: Dort oben kann das Dauerbrummen der Belüftungsanlage einem Pianissimo unten auf der Bühne echte Konkurrenz machen. Auch im Parkett, wo der Großteil des Publikums sitzt, ist der Musikgenuss nicht komplett geräuschfrei.
In seiner Ansprache vor dem Konzert lobte der Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan das Team des Beethovenfests, das für die Dauer der Sanierung der Beethovenhalle "aus der Not eine Tugend" gemacht und es auch geschafft habe, passende Programme für die verbleibenden 22 Spielstätten in Bonn und Umgebung zu finden.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, Schirmherr des diesjährigen Beethovenfests, stimmte in seiner schwungvollen Ansprache bereits auf "Beethoven 2020" ein. Dann, im 250. Geburtsjahr des Komponisten, müsse ein Fest in Bonn stattfinden, das europäische Ausstrahlungskraft habe.
Danach hatte Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner das Wort und spielte auf die "ferne Geliebte" im Motto an: "Die Ferne scheint heute in der Welt der digitalen Erreichbarkeit fast schon abgeschafft. Die Nähe zu schaffen ist Aufgabe der Zukunft."
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Nähe zur Musik - und zur Politik
Die Nähe zur russischen Orchesterkultur schaffte das Konzert mit dem Mariinsky Theater Orchestra und Valery Gergiev durchaus. Distanz zum Letzteren signalisierte allerdings eine Gruppe von 13 Protestierenden mit Rasseln und Trillerpfeifen, die vor dem Konzert die Nähe zwischen dem russischen Dirigenten und seinem Präsidenten Vladimir Putin anklagte. Den Lärm konnte man von Weitem hören, aber während das Publikum zum Eingang strömte, nahm kaum einer von den eher freundlich wirkenden Demonstranten Notiz. Die Aktion war angemeldet und durch drei Polizeiwagen abgesichert.
Gleichzeitig wurde im Vorprogramm zur der Live-Konzertübertragung auf den Bonner Marktplatz angesprochen, dass Gergiev nicht ganz unumstritten sei. Unumstritten sei allerdings sein Status als Dirigent - und dass der Weltrang des Mariinsky Theater Orchester, eines der ältesten Russlands, ohne Gergiev kaum vorstellbar wäre. Und dies wäre ohne seine Nähe zur politischen Macht in Russland kaum möglich gewesen.
Rund 200 Menschen hatten sich auf dem Marktplatz eingefunden und genossen die Stimmung, bis der Regen einsetzte. Dort schwärmte ein Zuschauer: "Hier geht es um Kunst. Und das war eine absolute Spitzenleistung."
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Ausflug in eine Fantasiewelt
Zurück zum Konzert im WCCB: Bei Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 4 entsprach der robuste, beherzte Vortrag den lächelnden Gesichtern in den Orchesterreihen. Bei Beethoven geht es nicht nur um Klangkultur, sondern auch um Struktur, und im zweiten und dritten Satz hätte der Dirigent etwas mehr gestalten können.
Die Vorliebe dieses Dirigenten, durch die Musik aus dem Alltag weg und in eine Fantasiewelt zu fliehen, passt besser zur Orchestersuite Scheherazade von Nikolai Rimsky-Korsakow, in der die Musiker von einer verträumten Klanglandschaft zur anderen reisten.
Später sagte Konzertbesucher Ulrich Heide: "Insbesondere die Interpretation von Rimsky-Korsakow hat mir außerordentlich gut gefallen. Ich war begeistert."
Auch der DW-Intendant Peter Limbourg war von der russischen Orchesterkultur, wie sie hier vertreten war, angetan, beschrieb sie als "unglaublich diszipliniert, fein und ganz präzise".
Und was sage das Konzert über die sprichwörtliche russische Seele aus? "Ich glaube, es ist wichtig, dass wir überhaupt mit den Russen eng zusammenarbeiten", sagte Limbourg. "Sie sind uns so nah, und das haben wir heute Abend erlebt. Man hat gefühlt, wie nah Deutschland und Russland, vielleicht Europa im Musikgeschmack sind und dass wir eine gemeinsame Geschichte haben, was das anbelangt. Und deshalb müssen wir das weiter pflegen - trotz aller politischen Differenzen. Die Vielfalt macht Europa reich, und das haben wir heute Abend gehört."
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Rick Fulker
http://p.dw.com/p/2jcnU
Datum: 15.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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