Fußball-Bundesliga: Kommerz, Vermarktung, unzählige Transfers

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Wie weit darf die Liga gehen?

Kommerz, Vermarktung, unzählige Transfers, unmoralische Summen und Anstoßzeiten, die sich kein Mensch merken kann - die Bundesliga ist dabei, ihre Identität zu verlieren, kommentiert DW-Sportredakteur Tobias Oelmaier.
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602 Spiele machte Karl-Heinz Körbel in der Fußball-Bundesliga - ein einsamer Rekord. Noch bemerkenswerter: Er trug dabei nur das Trikot eines einzigen Vereins, das von Eintracht Frankfurt. Aus heutiger Sicht ist das kaum noch vorstellbar. Ist ja auch schon mehrere Spielergenerationen her, in den 70er, 80er und frühen 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Körbel brachte es gerade mal auf sechs Länderspiele, war kein glanzvoller Star, und doch schwärmen die Eintracht-Fans noch heute von ihrem "treuen Charly". Vereinstreue zählt für Viele mehr als ein Weltmeistertitel.
Viele Klubs hatten damals ihre Identifikationsfiguren: Gerd Zewe war Fortuna Düsseldorf, Katsche Schwarzenbeck oder Sepp Maier standen für Bayern München. Bernhard Dietz kickte fast seine gesamte Karriere für den MSV Duisburg, Bernd Cullmann für den 1. FC Köln, Berti Vogts für Borussia Mönchengladbach, Klaus Fichtel für Schalke und Peter Nogly für den HSV. Selten machten sie sich an einem Sonntag ihre Fußballschuhe dreckig. Eigentlich immer samstags um 15:30 Uhr. Und zur Pausenunterhaltung spielte die örtliche Blasmusik zwei Lieder.
Heute gibt es kaum mehr Profis, die es länger als ein paar Jahre bei ihrem Arbeitgeber aushalten. Vereine sind das meistens eh nur noch auf dem Papier. Ansonsten ausgegliederte GmbHs oder Aktiengesellschaften. Wer ein besseres Angebot bekommt, ist weg. Auf der anderen Seite sehen viele Klubs ihre Angestellten eher als Investition denn als sportliche Verstärkung. Und so ein Spieltag kann sich schon mal von Freitag bis Montag ziehen. Mit ab jetzt bis zu sieben unterschiedlichen Anstoßzeiten. Damit das Fernsehen zu seinem Recht kommt, schließlich zahlt das Pay-TV ja ordentlich.
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Geld regiert die Liga
Für die Auslandsvermarktung müssen die Spieler ihre Gesundheit auf fragwürdigen Asien-Trips in der Saisonvorbereitung riskieren. Die Trainer schweigen dazu, aber klar ist: Mit seriös sportlichem Trainingsaufbau hat das wenig zu tun. Doch die PR ist eben wichtig, damit noch mehr Kohle reinkommt zur Begleichung der absurd hohen Gehälter und Ablösesummen. Im internationalen Vergleich würde man sonst abgehängt, heißt es - und das mag wohl richtig sein.
Wer keinen potenten Großsponsor hat, ist chancenlos im knallharten Wettbewerb. Egal wie dubios der Geldgeber auch sein mag. Schalke lässt ich von Gazprom pampern, Hamburg von Investor Kühne reinreden, Hoffenheim unterliegt der Regentschaft von SAP-Gründer Dietmar Hopp und RB Leipzig gehört eh zu 99 Prozent dem österreichischen Limofabrikanten Red Bull. Und jetzt fällt wohl auch die 50-plus-1-Regel, die die Fremdbestimmung der Bundesligavereine verhindern soll. Über Tricksereien und Kungeleien hat Mäzen, Sponsor und Präsident Martin Kind Hannover 96 schon jetzt praktisch unter seiner Gewalt und bald auch faktisch.
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Vormarsch der Retortenklubs
Die Traditionsvereine in der höchsten deutschen Spielklasse werden immer weniger. Stattdessen Wolfsburg (VW), Hoffenheim (SAP), Leipzig (RedBull). An Bayer Leverkusen, seit Ende der 70er-Jahre dabei, haben sich die meisten sowieso schon gewöhnt. Geliebt aber wird die "Werkself" nur von wenigen "Fußball-Interessierten". Branchenführer Bayern München hatte in der Vergangenheit immer wieder den Spagat zwischen Kommerz, Erfolg und Lokalkolorit geschafft. Die ganz großen Erfolge waren meist auch verbunden mit einem Stamm an Spielern aus der Region - oder zumindest an Spielern, die schon lange im Verein waren. Doch nun droht selbst dem Urbayern Thomas Müller ob der großen internationalen Konkurrenz die Bank. Das dürfte sich der Weltmeister von 2014 nicht lange ansehen. So sehr sich die FCB-Fans auf einen James Rodriguez aus Madrid freuen - einen Müller-Abgang würden sie wohl kaum klaglos hinnehmen, nachdem erst vor zwei Jahren "Fußballgott" Bastian Schweinsteiger aus der Mannschaft und später aus dem Verein gedrängt worden war.
Die Frage ist, wie weit die Zuschauer diesen Weg mitgehen werden. Wie sehr so ein Spieltag zerfleddert sein darf, wie auswechselbar die Spielernamen sind. Noch sind die Stadien voll, die Gelder fließen. Die Bundesliga ist ein Riesenmarkt. Aber die heile Welt bekommt erste Risse. Demonstrationen gegen die undurchsichtigen Anstoßzeiten, Fanausschreitungen gegen die Anhänger und Macher der "Retortenklubs", Pfiffe gegen allzu monströse, amerikanisierte Halbzeitshows. Fehlt dann auch noch die Identifikation mit dem Verein und den Protagonisten, dann könnte die Zahlungsfreude der Fans irgendwann nachlassen. Und die Fans bleiben weg, kaufen es nicht mehr, das 90 Euro teure Champions-League-Auswärts-Trikot oder das Pay-TV-Abo. Sie träumen dann vielleicht lieber vom treuen Charly.
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Tobias Oelmaier    
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Köln zwischen Realität und Euphorie

Die Vorfreude auf die neue Saison ist in Köln spürbar. Nach 25 Jahren Wartezeit ist der Klub wieder auf internationaler Bühne präsent. Trotz bevorstehender Dreifachbelastung bleibt Trainer Peter Stöger aber entspannt.
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Die Boxen auf der kleinen Bühne bei der Saisoneröffnung des 1. FC Köln wummern. Die Band Mo-Torres schmettert die neue Europapokal-Hymne in die Mikros und die knapp 50.000 FC-Fans singen lauthals mit. "Endlich ertönen unsere Lieder von Mailand bis nach Riga, wir sind international." Die Vorfreude auf die bevorstehende Saison ist bei den Anhängern hör- und spürbar. Nach 25 Jahren werden die Kölner ihre Farben wieder auf internationaler Bühne präsentieren können.
"Wir haben nichts zu verlieren. Keiner hat letztes Jahr damit gerechnet, dass wir es schaffen. Wir haben es dann aber doch gepackt", erinnert sich Abwehrspieler Dominique Heintz an den 34. Spieltag der vergangenen Saison. Die Kölner besiegten in diesem Spiel den FSV Mainz 05 und zogen unter großem Jubel in den Europapokal ein. "Wir können nur gewinnen", sagt Heintz. Auch Mannschaftskollege Marco Höger lässt sich aufgrund der großen Euphorie nicht nervös machen: "Druck machen wir uns keinen. Wir freuen uns darauf", sagt er. "Wir wollen erfolgreich spielen und dann gucken wir mal, wie weit wir kommen."
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"Tony war außergewöhnlich"
Der Vorfreude in Köln wurde vor einigen Wochen jedoch ein herber Dämpfer versetzt. Torjäger Anthony Modeste wechselte nach China und seine Tore werden dem FC in der bevorstehenden Spielzeit sicher fehlen. "Tony war, was den Abschluss anging, außergewöhnlich. Aber die anderen Jungs bringen etwas anderes ein. Sie sind robust, haben Zug zum Tor", sagte Trainer Peter Stöger dem Kicker-Magazin. Jhon Cordoba und Sehrou Guirassy sollen die Lücke, die Modeste hinterlassen hat, füllen. "Es sind richtig gute Stürmer", weiß Stöger und hofft auf viele Tore der beiden Neuzugänge.
Europa League, DFB-Pokal und die Bundesliga - die Kölner müssen sich in drei Wettbewerben beweisen, das gab es seit 25 Jahren nicht. Das ist normalerweise auch für den Trainer eine neue Situation, nicht aber für Stöger. "Man kann immer alles größer verkaufen als es ist. Wir haben zum Teil etwas Neues, wir haben englische Wochen, aber mein Trainerjob ist es, sich darauf einzustellen und dafür zu sorgen, dass die Mannschaft so frisch wie möglich ist", sagt der Coach in seiner gewohnt ruhigen Art, wohlwissend, dass die Erwartungen im Kölner Umfeld traditionell hoch sind. "Ich gehe jetzt in meine fünfte Saison mit dem FC", sagt der 51-Jährige. "Ich habe gefühlt noch nie eine Woche gehabt, wo es keine Erwartungshaltung gab. Egal, wer der Gegner war, egal wie die Tabellensituation war. Für mich hat sich deswegen nicht viel verändert."
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Stöger und Schmadtke bauen FC um
In den vergangenen vier Jahren hat der Trainer aus Österreich gemeinsam mit Manager Jörg Schmadtke den Verein Stück für Stück umgebaut. Das einstige Image des "Chaos-Klubs" gehört der Vergangenheit an. Mit Stöger kam der Erfolg, aber vor allem die Ruhe, die dem FC lange Jahre gefehlt hatte. Erst gelang ihm in seinem Premieren-Jahr der Aufstieg in die Bundesliga, jetzt die Qualifikation für die Europa League.
Trotz des Erfolgs bleibt Stöger entspannt. Die Vorzeichen für die Europapokalsaison sind gut. Das Trainerteam hatte während der Vorbereitung fast alle Spieler an Bord und konnte konzentriert arbeiten. Lediglich Jonas Hector, der mit der Nationalmannschaft den Confed-Cup in Russland gewinnen konnte, stieß erst vor wenigen Wochen zur Mannschaft. "Die Stimmung im Team ist gut. Es sind fast alle fit", sagt Neuzugang Jannis Horn. "Wir konnten immer mit vielen Spielern trainieren. Das ist für eine Mannschaft echt super. Wir freuen uns auf die kommende Saison."
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Derby das "Highlight des Jahres"
Der erste Bundesliga-Spieltag beginnt gleich mit einem echten Kracher, das Derby gegen Borussia Mönchengladbach. "Es gibt doch nichts Schöneres, als mit einem Derby in Gladbach zu starten", freut sich Heintz auf das Duell. "Da wird gleich richtig gefightet. Wir müssen mit der richtigen Spannung  spielen und uns natürlich voll reinhauen. Mit unseren Fans im Rücken, wird das Derby ein sehr schöner Start." Für den Trainer ist es sogar das "Highlight des Jahres." Für den Start in die Europa-League-Saison gebe es nichts Besseres.
Stöger möchte mit seiner Mannschaft den nächsten Schritt gehen, auch wenn die Saisonziele nicht höher gesteckt werden als im Vorjahr. Die Top-Ten wolle man erneut erreichen, da sind sich Mannschaft, Trainer und Vorstand einig. "Der Fokus liegt auf der Meisterschaft. Seit dem Aufstieg standen wir nie auf einem Relegationsplatz", betont Stöger und ergänzt: "Wenn wir das wieder schaffen und ohne große Probleme nach oben schauen können, wäre das eine wunderbare Saison."
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Thomas Klein
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Datum: 18.08.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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