Frankreich Tour de France 2017

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Wie Marcel Kittel die Sprints der Tour de France dominiert

Er ist einfach schneller als der Rest: Marcel Kittel verblüfft mit seiner Überlegenheit in den Sprint-Finals der Tour de France. Grund dafür ist seine immense Kraft, aber auch seine neue Taktik.
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Manche Reporter schreiben bereits von der "Tour de Kittel". Das ist natürlich Quatsch. Denn die Tour de France hat viele Protagonisten, dafür sorgt allein schon das Terrain. In den Anstiegen der Alpen und der nun beginnenden Pyrenäen werden andere ins Rampenlicht fahren, während Marcel Kittel nicht um den Sieg, sondern ausschließlich gegen das Zeitlimit kämpft. Mit seinen 87 Kilogramm zählt der 1,88 große Kittel zu den Schwergewichten im Peloton und wird in den kommenden Tagen stets im Gruppetto, der Schlussgruppe, zu finden sein. Doch das, was Marcel Kittel aktuell auf den Flachetappen zeigt, ist atemberaubend.
"Kittel, natürlich", titelt die größte Sportzeitung "L'Équipe" nach dessen fünftem Etappensieg. "Kittel ist nicht zu stoppen", meldet die veranstaltende ASO in einer Pressemitteilung. Und für die "FAZ" ist der Sprinter gar "Der neue Sommer-Held des deutschen Sports". Das Lob von Kommentatoren und Experten ist einhellig und für Ex-Profi Erik Zabel, den Kittel als deutschen Tour-Rekord-Etappensieger entthronte, ist Kittel "der neue Cipollini - nur schneller und hübscher". Der Vergleich mit dem italienischen Starsprinter der 90er und 00er Jahre hinkt und ist treffend zu gleich.
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Kittel dominiert wie einst Cipollini - und ist doch ganz anders
Denn einerseits ist Kittel charakterlich weit entfernt vom Enfant terrible Cipollini, der mit aufbrausendem Temperament und einer gewissen Selbstverliebtheit polarisierte. Marcel Kittel wirft jedenfalls nicht wutentbrannt mit Trinkflaschen um sich oder trägt Einteiler im Stile Cäsars. Der blonde Hüne ist mit seiner freundlichen und zugleich verantwortungsvollen Art eher "der Typ, den jede Mutter gerne als Schwiegersohn hätte", wie Erik Zabel meint. Im Sprint gilt er als echter Sportsmann: Der 29-Jährige scheut anders als manche Konkurrenten gefährliche Ellenbogenduelle und bevorzugt den "sauberen Sprint" nebeneinander. Und doch hat Kittel etwas mit "Super Mario" Cipollini gemeinsam: Er dominiert die Sprints fast nach Belieben.
Ähnlich wie der Italiener zu seinen besten Zeiten ist Marcel Kittel auf den Zielgeraden der Mann, auf den sich alle Blicke richten. Doch die Art, wie beide ihre Rennen gewinnen, unterscheidet sich deutlich. Während der italienische Weltmeister von 2002 hinter seinem roten Saeco-Zug von der Spitze weg die Rennen gewann, geht Marcel Kittel neuerdings einen anderen Weg: Weil die Sprint-Finals der Tour hektischer, umkämpfter und aufgrund der Vielzahl der beteiligten Teams kaum zu kontrollieren sind, wählt Marcel Kittel den Weg von hinten. Er wartet lange hinter den anderen Sprintern und lässt sich dann von seinem Anfahrer Fabio Sabatini auf den richtigen Speed bringen, um die Konkurrenten von hinten aufzurollen.
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Im Sog der anderen an die Spitze
"Er bevorzugt es, von hinten zu kommen. Er will momentan keinen Sprintzug, sondern startet aus der zweiten Reihe seinen Sprint", erklärte Quickstep-Teamchef Patrick Lefevere die Vorgehensweise Kittels. "Er weiß, dass dies auch das Risiko beinhaltet, eingebaut zu werden. Dies geschah an dem Tag, an dem Sagan ausgeschlossen wurde. Aber davon abgesehen sind wir sehr zufrieden mit der neuen Sprint-Taktik."
Die Taktik, sich im Sog der anderen von Hinterrad zu Hinterrad "springend" nach vorne zu katapultieren, scheint aktuell ein sehr probates Mittel in den bisweilen chaotischen Sprintfinals, weil Kittel so, wie er selbst sagt, vor dem eigentlichen Spurt Kraft und Nerven schonen kann. Körner sparen und die anderen im Wind schuften zu lassen ist seit jeher der simpelste und beste Trick im Radsport. Diese Taktik ist aber nicht die einzige Erklärung seines Erfolges. Kittel kann aktuell schlicht mehr Kraft auf das Pedal bringen als andere: Rund 2000 Watt soll er in einem Sprint schaffen. Und selbst wenn es, wie Experten schätzen, am Ende einer 200 Kilometer langen Etappe einen Tick weniger sein sollte - es wäre immer noch mehr als die Maximalleistung vieler Sprintgegner, von denen dem Vernehmen nach die meisten auf rund 1500 bis 1850 Watt kommen sollen. Natürlich fehlen inzwischen mit Peter Sagan (umstrittener Rennausschluss), Mark Cavendish (Sturz) und Arnaud Démare (verpasste das Zeitlimit) drei seiner schnellsten Rivalen. Doch als die noch dabei waren, gewann Kittel.
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Nach der Krise nun im "Flow"-Zustand
Dabei fällt selbst die Tatsache, dass der Erfurter wegen seiner Körpergröße und Position auf dem Rad weniger aerodynamisch sprintet als beispielsweise die tief über den Lenker geduckt fahrenden Mark Cavendish oder Kittels Hauptgegner um Grün, Michael Matthews, nicht sonderlich ins Gewicht. Kittel kann sich auf seine Endschnelligkeit verlassen und genau dies gibt ihm viel Selbstbewusstsein - die vielleicht wichtigste Vorraussetzung für erfolgreiche Sprints. Ein Gefühl, das Kittel auch aus der Tatsache zieht, sich aus einer Krise zurückgekämpft zu haben: Nach je vier Tour-Etappensiegen 2013 und 2014 schwächte ihn im Folgejahr eine Viruserkrankung, die zu seiner Nicht-Berücksichtigung bei der Tour durch sein damaliges Team Giant-Alpecin und in der Folge zum Teamwechsel führte. Auf das "verlorene Jahr", wie Kittels Manager Jörg Werner sagt, folgte der Formaufbau und eine charakterliche Reifung seines Athleten. Kittel steckte die Misserfolge weg und zog daraus viel Selbstvertrauen.
"Ich bin auf dem Top-Level und dann kommt auch noch Glück dazu. Ich kann momentan von Hinterrad zu Hinterrad springen", versucht Kittel seine Dominanz bei der aktuellen Tour zu erklären und spricht von einem "Flow". Diesen Zustand führt man im Quickstep-Rennstall auch auf Kittels "Frische" zurück. Kittel sei absichtlich weniger Rennen gefahren und habe Vorbereitungs-Rundfahrten wie das Critérium du Dauphiné oder die Tour de Suisse ausgelassen, sagt Teamchef Lefevere. Stattdessen trainierte Kittel einen Monat lang in der Höhe von Colorado gezielt für die Tour. In der Summe ergeben diese Details die Dominanz des Marcel Kittel bei der Tour de France. Oder wie er es selbst ausdrückt: "Es ist momentan alles perfekt."
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Joscha Weber    
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Froome verliert Gelbes Trikot an Aru

Im Schlussspurt der ersten Pyrenäenetappe der Tour de France verliert Christopher Froome überraschend viel Zeit und damit auch das Gelbe Trikot des Führenden der Gesamtwertung. Den Tagessieg holt sich ein Franzose.
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Die steil ansteigende Zielgerade entschied die erste Pyrenäen-Etappe bei der 104. Tour de France. Auf dem letzten Kilometer trat der französische Radprofi Romain Bardet an und hatte auch die nötige Kraft, um die Attacke zu vollenden. Der 26-Jährige vom Team AG2R siegte nach 214,5 Kilometern von Pau nach Peyragudes vor dem Kolumbianer Rigoberto Uran (Cannondale-Drapax, +2 Sekunden) und dem Italiener Fabio Aru (Astana, +2). Titelverteidiger Chris Froome (Sky) konnte überraschend bei der entscheidenden Tempoverschärfung nicht mithalten und verlor als Siebter 22 Sekunden auf den Tagessieger - und damit auch das Gelbe Trikot des Spitzenreiters der Gesamtwertung. Das trägt nun der italienische Meister Aru, der einen Vorsprung von sechs Sekunden auf Froome hat. Dritter ist Tagesssieger Bardet mit einem Rückstand von 25 Sekunden auf Aru, Vierter der Kolumbianer Uran, 35 Sekunden hinter dem neuen Mann in Gelb.
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Froome: "Mehr war nicht drin"
"Ich hatte nicht mehr drin, habe das Maximum gegeben", sagte Froome. Der neue Führende des Gesamtklassements, Fabio Aru, strahlte hingegen über das ganze Gesicht: "Ich bin sehr, sehr glücklich." Bestplatzierter deutscher Fahrer auf der Bergetappe war Emanuel Buchmann (Bora-hansgrohe), der als 23. (+5:44 Minuten) über den Zielstrich rollte. "Für mich lief es nicht optimal", sagte Buchmann nach der Etappe in der ARD. Im Gesamtklassement liegt er auf dem 16. Rang (+14:14).
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Schrecksekunde am Col de Peyresourde
Fast über die gesamte Etappe hatte Froomes Sky-Team das Renngeschehen kontrolliert. Am Port de Balès, dem längsten Anstieg des Tages rund 40 Kilometer vor dem Ziel, dezimierte die britische Mannschaft per Tempoverschärfung die Spitzengruppe auf einen kleinen Favoritenkreis. Am Fuße des folgenden Col de Peyresourde, einem Anstieg der 1. Kategorie, dann der erste Schreck für Froome: Der Titelverteidiger versteuerte sich vor einem Kreisverkehr und stand wie auch Aru plötzlich auf einer Wiese. Das Malheur hatte jedoch keine Konsequenzen, Froome und sein Rivale fanden umgehend zurück in die Spitzengruppe. Die Entscheidung über den Etappensieg fiel dann erst auf dem letzten Rennkilometer im Schlussanstieg zur Skistation Peyragudes.
Im Kampf um das Grüne Trikot belegte Marcel Kittel im Zwischensprint den zweiten Platz. Der fünfmalige Etappensieger der diesjährigen Tourliegt damit komfortable 130 Punkte vor dem Australier Michael Matthews. Die 13. Etappe führt am Freitag über lediglich 101 Kilometer von Saint-Girons nach Foix. Ein Spaziergang wird die Berg- und Talfahrt am französischen Nationalfeiertag dennoch nicht: Auf die Radprofis warten drei Anstiege der ersten Kategorie. Möglicherweise kontert Titelverteidiger Froome ja bereits auf dieser zweiten Pyrenäen-Etappe. "Es ist noch ein weiter Weg bis Paris", sagte der Brite.
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sn/asz /sid, dpa)
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Mollema siegt - Froome weiter in Gelb

Der Niederländer Bauke Mollema setzt sich auf der 15. Etappe als Solist durch. Chris Froome bleibt in Gelb, obwohl er eine lange Aufholjagd absolvieren muss. Tony Martin scheitert mit einem Ausreißversuch.
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Die 104. Frankreich-Rundfahrt ist für Tony Martin eine Tour zum Vergessen. Erst der verpasste Auftaktsieg in Düsseldorf, dann Sturzpech und eine Erkältung, nun ein gescheiterter Ausreißversuch. Tony Martin quälte sich mit offenem Mund und schwerem Schritt die steilen Rampen im Zentralmassiv hinauf, doch alle Mühe war vergebens. Nach gut vier Stunden Schwerstarbeit an der Spitze, darunter fast 30 Kilometer im Alleingang, war der Traum von einem Etappensieg bei der diesjährigen Tour de France dahin.
Statt Martin holte sich Mitausreißer Bauke Mollema aus den Niederlanden den Sieg in Le-Puy-en-Velay vor dem Italiener Diego Ulissi. Als großer Gewinner ging zum Abschluss der zweiten Woche auch Chris Froome hervor, der das Gelbe Trikot erst eroberte und dann mit seiner Sky-Super-Mannschaft bärenstark verteidigte.
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Eine Rundfahrt zum Vergessen für Martin
Bereits nach Beginn der 15. Etappe in Laissac-Sévérac-L'Église startete Martin in einer größeren Gruppe einen Ausreißversuch, 66 Kilometer vor Schluss suchte der 32-Jährige dann sein Glück in einer Soloflucht. Erinnerungen an seine Triumphfahrt von Mülhausen vor drei Jahren wurden wach. Diesmal allerdings ohne Erfolg - Martin wurde auf dem 189,5 Kilometer langen Weg nach Le Puy-en-Velay ein- und überholt, womit sich die diesjährige Frankreich-Rundfahrt für den Katusha-Profi zu einer Tour zum Vergessen entwickelt. "Enttäuscht bin ich nicht. Das war die einzige Etappe, die vom Profil gepasst hat. Ich habe es versucht und bin weggekommen, aber der vorletzte Berg war zu steil für mich", sagte Martin nach seiner Schinderei.
"Ich werde auf ein, zwei Etappen noch mein Glück versuchen", hatte Martin angekündigt - und zunächst Wort gehalten. Er fuhr schnell einen Vorsprung von fast zwei Minuten auf seine Mitausreißer heraus. Doch auf dem Anstieg zum Col de Peyra Taillade waren die Hoffnungen auf seinen sechsten Tour-Etappensieg dahin. Martin kam kaum mehr von der Stelle und musste die Rivalen passieren lassen. Mit mehreren Minuten Rückstand kam er ins Ziel. Was ihm bleibt, ist das Zeitfahren am vorletzten Tag in Marseille.
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Schrecksekunde für Froome
Den Kampf gegen die Uhr hat auch der starke Zeitfahrer Froome noch als Joker in der Hinterhand. Durch die Unachtsamkeit des Italieners Fabio Aru am Vortag auf dem knackigen, aber kurzen Schlussanstieg nach Rodez ist dem dreimaligen Champion das Gelbe Trikot quasi zugeflogen. Der Astana-Kapitän hatte sich in der entscheidenden Rennphase viel zu weit hinten im Feld aufgehalten und damit im Etappenfinale, das Michael Matthews vom deutschen Sunweb-Team für sich entschied, nicht mehr reagieren können.
Damit liegt Froome vor dem Ruhetag am Montag in der Gesamtwertung wieder 18 Sekunden vor Aru und 23 Sekunden vor dem französischen Hoffnungsträger Romain Bardet. Auch der kolumbianische Außenseiter Rigoberto Uran ist mit einem Rückstand von 29 Sekunden noch gut im Rennen.
Eine Schrecksekunde hatte Froome am Sonntag zu überstehen. Während einer Tempoverschärfung von Bardets Mannschaft am vorletzten Anstieg ereilte den Briten ein Defekt, für kurze Zeit geriet Froome gut eine Minute ins Hintertreffen. Doch nach gut einer Viertelstunde hatte sich der 32-Jährige in die Gruppe der Topfavoriten zurückgekämpft.
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Kittels Vorsprung schmilzt
Spannend wird es allmählich auch im Kampf um das Grüne Trikot. Der Vorsprung von Marcel Kittel auf Matthews schmolz auf unter 80 Punkte. Am Sonntag gewann der Australier in der Ausreißergruppe den Zwischensprint und sicherte sich 20 Zähler. Kittel quälte sich dagegen am Ende des Feldes über die vier Bergwertungen des Tages.
Matthews hatte am Samstag bereits für den zweiten Etappensieg des Sunweb-Teams innerhalb von 24 Stunden gesorgt, nachdem sein Zimmerkollege Warren Barguil am Nationalfeiertag zum Sieg gefahren war. "Wir haben unsere Ziele erreicht. Für uns ging es um Etappensiege bei der Tour", sagte Teamchef Iwan Spekenbrink. Dass die Mannschaft nun sogar Chancen auf zwei der begehrten Trikots habe, sei "die Konsequenz unserer Strategie". So ist Barguil weiter im gepunkteten Trikot des Bergkönigs unterwegs.
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og/ck (dpa)
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Datum: 18.07.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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