Frankreich Tour de France 2017: Der Traum vom Grünen Trikot ist futsch

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Kittel gibt verletzt auf

Der deutsche Topsprinter Marcel Kittel vom Team Quick Step-Floors steigt auf der ersten Alpen-Etappe aus, nachdem er sich bei einem Sturz an der rechten Schulter verletzt hatte.
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Marcel Kittel kämpfte wie ein Löwe, biss auf die Zähne, doch die Schmerzen waren nicht zu ertragen: Auf der ersten Alpen-Etappe nach Serre Chevalier hat der deutsche Top-Sprinter die 104. Tour de France aufgegeben. Kittel war kurz nach dem Start des 183 Kilometer langen Teilstücks in einen Massensturz verwickelt gewesen, bei dem er sich Verletzungen zuzog, die eine Weiterfahrt unmöglich machten.
Der Ausstieg ist extrem bitter für den 29-Jährigen, der in diesem Jahr fünf Tour-Etappen gewonnen hatte und in der Sonderwertung um das Grüne Trikot des Punktbesten führte. Nur noch bis zum Sonntag hätte er durchhalten müssen. In Paris auf der Avenue des Champs Élysées noch einmal zu glänzen und dann auf dem Prachtboulevard als erster Deutscher seit 2001 in Grün das Podium zu besteigen, war Kittels Ziel gewesen. "Das wäre schon was sehr Besonderes", hatte er gesagt. Kittel kann sich diesen Traum nun nicht erfüllen. Damit bleibt Erik Zabel im Jahr 2001 der letzte Deutsche, der das "Maillot vert" gewonnen hat.
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Sturz nach 20 Kilometern
Etwa 20 Kilometer hatte das Peloton auf dem Abschnitt zurückgelegt, der auch das große Finale um den Tour-Gesamtsieg einleitete, als eine Unachtsamkeit im Feld auch Kittel mit zu Boden riss. Der Wahl-Schweizer berappelte sich, und nachdem er einen kaputten Schuh ausgetauscht hatte, fand er zunächst auch wieder Anschluss. Sein Grünes Trikot wies zwar Drecksspuren auf und war auch an einigen Stellen zerrissen, aber zunächst schien alles nicht so dramatisch.
Auch als Kittel sich am rechten Arm einen Verband von Tour-Ärztin Florence Pommerie anlegen ließ, wirkte die Situation noch so, als könne er sich davon erholen. Doch Meter um Meter, Tritt um Tritt wurden die Schmerzen offenkundig stärker. Kittel stellte sein Rad ab und setzte sich tief enttäuscht in das Begleitfahrzeug seines Teams Quick-Step Floors.
Dabei war diese Tour bis dahin so märchenhaft für ihn gelaufen. Kittel siegte auf der zweiten Etappe nach Lüttich, die über viele Kilometer durch Deutschland führte. Er brach danach in Tränen aus, weil er überwältigt war von der Begeisterung an den Straßen zwischen Düsseldorf und der belgischen Grenze.
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Aus der Traum von Grün
Seinen Siegeszug setzte Kittel fort in Troyes, Nuits-Saint-Georges, Bergerac und Pau. Der blonde Hüne steigerte sich von neun Tageserfolgen (2013, 2014 und 2016) vor der 104. Tour auf nunmehr 14 und übertraf damit den deutschen Etappenrekord von Erik Zabel. Zudem egalisierte Kittel in Pau mit seinem fünften Triumph die 40 Jahre alte Bestmarke von Dietrich Thurau für die meisten deutschen Etappensiege während einer Großen Schleife.
Und als Krönung dieser nahezu einmaligen Erfolgsserie hatte Kittel auch das "Maillot vert" vor Augen. Zwar hatte der Australier Michael Matthews auf den mittelschweren Etappen Punkt um Punkt aufgeholt und sich am Mittwoch sogar bis auf neun Zähler angenähert. Doch Kittels großes Plus war der prestigeträchtige Sprint in Paris, den er schon zweimal für sich entschieden hatte. "Bis Paris kann viel passieren", hatte er einschränkend immer wieder betont. Nun musste Kittel diese leidvolle Erfahrung selbst machen.
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Greipel-Helfer Sieberg gibt ebenfalls auf
Zudem muss der deutsche Sprinter André Greipel auf den letzten Etappen auf seinen wichtigsten Helfer verzichten: Marcel Sieberg stieg vor dem Start wegen Darmproblemen aus, bei seiner achten Tour-Teilnahme kommt der 35-Jährige damit zum zweiten Mal nicht bis ins Ziel.
"Ich bin traurig, die Tour so kurz vor Paris aufgeben zu müssen", twitterte Sieberg. Seinem Kapitän Greipel, der bei der laufenden Rundfahrt dreimal Etappen-Dritter war, droht seine erste Tour ohne Tagessieg. Im Vorjahr hatte er das Finale in Paris gewonnen.
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og/sn (sid)
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Roglic gewinnt erste Alpen-Etappe

In der Bergen fühlt er sich wohl: Der ehemalige Skispringer Roglic erreicht auf dem 17. Teilstück über den Galibier als Erster das Ziel. Froome bleibt weiter der Mann in Gelb. Kittel muss verletzt aufgeben.
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Marcel Kittel begrub seinen Traum vom Grünen Trikot blutend und unter großen Schmerzen, ein ehemaliger Skispringer krönte sich derweil zum Alpen-König der Tour de France: Auf dem spektakulären Klassiker über den Galibier gab der fünfmalige Etappensieger Kittel nach einem schweren Sturz eine so lange traumhafte Frankreich-Rundfahrt auf. Beim Tageserfolg des einstigen Schanzen-Sportlers Primoz Roglic behauptete Christopher Froome seine hauchdünne Gesamtführung.
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Noch zwei Stunden gequält
Kittels Hoffnungen, die Tour in Grün zu beenden, waren kurz nach Rennstart im Straßengraben der D526 geplatzt. Bereits nach 19 Kilometern war der Sprintstar in einen Massensturz verwickelt. Kittel quälte sich danach noch gut zwei Stunden trotz seiner Verletzungen am Oberschenkel und an der Schulter durch das Rennen - mit zerrissenem Trikot und einem Eisbeutel an der Schulter.
Am Tag zuvor war der 29-Jährige abgehängt worden und hatte das Ziel mit 16 Minuten Rückstand erreicht, sein Polster im Kampf um das "Maillot vert" auf den Australier Michael Matthews war nahezu aufgebraucht. Nun endete die Tour für ihn kurz nach der ersten Bergwertung des 17. Tagesabschnitts, dem Col de la Croix de Fer. Den Weg über den Galibier, mit 2642 Metern Höhe das Dach der Tour, ersparte sich Kittel dann. Kommentarlos zog er sich ins Team-Hotel zurück.
Roglic, 2007 als Skispringer Junioren-Weltmeister mit dem slowenischen Team, hatte den mythischen Galibier als erster überquert und ließ sich seinen größten Karriere-Erfolg als Radrennfahrer nicht mehr nehmen. Froome, der 1:13 Minuten nach Roglic ins Ziel kam, sicherte sich als Etappendritter hinter dem Kolumbianer Rigoberto Uran noch vier Sekunden Zeitgutschrift. Damit führt er nun mit 27 Sekunden vor Uran und dem zeitgleichen Romain Bardet. Der Franzose hatte beim Anstieg zum Col du Galibier vor den Augen von Staatschef Emmanuel Macron mehrmals den Spitzenreiter attackiert - der dreimalige Tour-Champion konterte jedoch jeweils erfolgreich. Froomes bislang härtester Verfolger Fabio Aru war der Verlierer des Tages. Der Astana-Kapitän handelte sich 31 Sekunden Rückstand auf den Sky-Boss ein, fiel in der Gesamtwertung auf Platz fünf (+0:53 Sekunden) zurück.
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Kein guter Tag für deutsche Profis
Auf der packenden Etappe hatten die im Gesamtklassement doch recht weit zurückliegenden Bergspezialisten Alberto Contador und Nairo Quintana frühzeitig den Schlagabtausch eröffnet. Der spanischen Altstar Contador hielt sich bis kurz vor der Passhöhe des Galibier an der Spitze des Rennens - dann wurde er von Roglic und auch von der Gruppe um Froome gestellt. Der britische Titelverteidiger steht nun vor dem wohl entscheidenden Tag im Kampf um Gelb. Sollte Froome auch am Donnerstag die zweite und letzte Alpenetappe mit der Bergankunft auf dem 2360 m hohen Izoard im Leader-Trikot überstehen, ist ihm der vierte Tour-Sieg wohl nicht mehr zu nehmen.
Für Kittel fand hingegen seine persönliche Tour der Leiden eine Fortsetzung. Nach dem harten Rückschlag am Dienstag versuchte der Deutsche alles, wurde mehrmals am Medizinfahrzeug behandelt, sah aber schließlich die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens ein. Letzter deutscher Gewinner des Grünen Trikots bleibt damit Erik Zabel, der 2001 zum sechsten Mal in Folge bester Sprinter der Tour war. Nun geht der Australier Matthews, der Kittel beim Zwischensprint am Mittwoch weitere Punkte abgenommen hatte, mit riesigem Vorsprung auf Kittels Landsmann André Greipel in die letzten vier Tour-Tage. Greipel verlor am Mittwoch seinen wichtigsten Helfer: Marcel Sieberg trat wegen Darmproblemen nicht mehr an - es war kein guter Tag für die deutschen Profis.
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sw/ww (dpa, sid)
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Emanuel Buchmann: "Man leidet ziemlich oft"

Bergetappen bei der Tour de France gehen an die Substanz. Die deutsche Rundfahrt-Hoffnung Emanuel Buchmann berichtet im DW-Interview von den Strapazen der Anstiege und seinen Lehren aus dieser Frankdreich-Rundfahrt.
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Deutsche Welle: -Wie geht es Ihnen nach dieser harten 17. Etappe?
Emanuel Buchmann: -Ich bin ziemlich fertig. Das war bisher gemeinsam mit der neunten Etappe der härteste Tag der Tour für mich. Die Höhenmeter allein waren schon brutal. Das waren heute ein paar richtig schwere Berge, über die wir da drüber mussten. Und wir sind sehr schnell gefahren.
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-Sie sind zehn Kilometer vor dem Gipfel des Col du Galibier von der Favoriten-Gruppe um Chris Froome abgerissen. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
-Wenn man zehn Kilometer vor der Bergwertung abreißt, dann ist das nicht schön. Denn dort oben hatten wir Gegenwind und wenn man dort allein ist, wird es hart. Aber es waren ja auch nicht mehr viele Leute in der Gruppe der Favoriten.
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-Dennoch liegen Sie immer noch auf einem respektablen 15. Gesamtrang - sind Sie stolz auf Ihre bisherige Leistung?
-Ja, ich finde sie ok. Nach dem Critérium du Dauphiné (einem wichtigen Vorbereitungsrennen vor der Tour de France, Anm. d. Red.) habe ich eigentlich schon gedacht, dass ich etwas weiter vorne mitfahren kann. Aber meine Form ist nicht mehr ganz so gut, deswegen geht die Platzierung schon in Ordnung.
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-In der Tat wirkt es, als hätten Sie den Zenit ihrer Saison-Topform bereits überschritten. Waren Sie zu früh in Form für die Tour de France?
-Das war so geplant. Ich wollte Topform beim Critérium du Dauphiné haben und hier dann als Helfer für Rafal Majka (der Mann fürs Gesamtklassement bei Bora-Hansgrohe musste die Tour vorzeitig aufgeben, Anm. d. Red.) antreten. Aber nach seiner Aufgabe muss ich jetzt auch hier schnell fahren.
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-Die Tour biegt auf die Zielgerade ein. Was ist für Sie noch möglich?
-Die Etappe auf den Col d'Izoard wird nochmal richtig schwer. Mal schauen, ob da eine Gruppe geht oder ob Team Sky wieder alles kontrollieren wird. Vielleicht ist ja noch etwas möglich.
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-Was nehmen Sie mit aus dieser Tour de France?
-Ich habe sehr viel gelernt. Letztes Jahr bin ich schon auf Gesamtwertung gefahren, aber dieses Jahr war es anders. Es ist eine große Herausforderung, über drei Wochen Leistung zu bringen. Die wichtigste Erkenntnis ist: Zur Tour de France muss man in Topform am Start stehen. Wenn man nicht bei 100 Prozent ist, macht das ganze wenig Spaß und man leidet ziemlich oft.
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Emanuel Buchmann, Jahrgang 1992, ist seit 2015 Radprofi. Gleich in seinem ersten Jahr als Berufsradfahrer wurde er Deutscher Meister und beendete die Tour de France. Seitdem gilt er als deutsche Hoffnung im Gesamtklassement bei großen Rundfahrten. Beim stark besetzten Critérium du Dauphiné 2017 gewann Buchmann die Nachwuchswertung und liegt bei der Tour auf Kurs in Richtung Top-20-Platz.
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Das Interview führt Joscha Weber.
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Datum: 21.07.2017
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