Filmfestival Türkei Deutschland: Start mit Hindernissen

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Das "Filmfestival Türkei Deutschland" spiegelt auch die politische Wirklichkeit wider - und startet 2018 unter besonderen Bedingungen. Ankara hat den finanziellen Zuschuss für das Festival kurzfristig gestrichen.
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Die schlechte Nachricht kam nur wenige Wochen vor Festivalbeginn. Ohne einen Grund zu nennen, strich die Türkei ihre finanzielle Unterstützung. Mit Beträgen zwischen 50.000 und 60.000 Euro hatte sich Ankara bisher an der Finanzierung des Festivals beteiligt, nun kam das Aus. Schon 2017 hatte man rückwirkend den Zuschuss gestrichen. Insofern sei die jetzige Reaktion keine Überraschung mehr gewesen, sagt Festivaldirektor Adil Kaya im Gespräch mit der Deutschen Welle.
Die Insolvenz der Kulturveranstaltung in Nürnberg konnte jetzt nur mit Hilfe von anderen Geldgebern verhindert werden. Auswärtiges Amt, Goethe-Institut, Robert-Bosch-Stiftung und der bayrische Staat sprangen ein, so dass die diesjährige 23. Ausgabe des "Filmfestivals Türkei Deutschland" (9.-18.3.2018) wie geplant stattfinden kann.
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Adil Kaya: Erdoğans Denken ist "lokal und national"
"Ohne Begründung" habe das türkische Kulturministerium die Zuschüsse gestoppt, sagt Kaya. Er vermute, dass die "Denkweise" des türkischen Kulturministeriums "zu national" sei. Die Türkei sei derzeit wenig interessiert an einem interkulturellen Dialog und allein auf nationale Kulturinhalte fokussiert. Erdoğans Denken sei einfach "lokal und national" ausgerichtet, sagt Kaya. Dabei seien solche Veranstaltungen gerade in Krisenzeiten wichtig, um den kulturellen Dialog aufrechtzuerhalten, gibt der Festivaldirektor zu bedenken. "Zumindest auf deutscher Seite" werde das weiterhin so gesehen.
Die Absage der Festivalzuschüsse muss vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Spannungen zwischen beiden Ländern sowie der nationalistisch ausgerichteten Politik von Staatspräsident Erdoğan verstanden werden. Für die Filmemacher werde es in der Türkei immer schwieriger, sich öffentlich zu äußern, sagt Kaya. Viele seien verängstigt. "Deswegen kommen sie hierher. Sie brauchen diese Festivals, um atmen zu können."
Schon in den letzten Jahren sei zu spüren, dass die Regisseure in ihren Filmen vorsichtiger agierten. Nicht selten ließen Regisseure lieber verstorbene historische Kulturgrößen für sich sprechen: Im aktuellen Festivaljahrgang werden zum Beispiel Dokumentationen über den türkischen Schriftsteller Yaşar Kemal und den Filmregisseur Yılmaz Güney präsentiert. Die reden im Film dann Klartext.
Insgesamt 43 Produktionen werden vom 9. bis zum 18. März 2018 in Nürnberg präsentiert. "Die allermeisten Filme, die wir dieses Jahr zeigen, reflektieren unsere Lebenswelten", sagt Frank Becher, Kurator und Mitglied der Festivalleitung. Die Filme seien auch politisch, "wenn es in ihnen vordergründig nicht um Politik zu gehen scheint." 
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Türkische Filmemacher sind vorsichtiger geworden
Becher ist sich bewusst, dass das diesjährige Festival auch die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in der Türkei widerspiegelt, Einschränkungen in Sachen Meinungsfreiheit und Demokratie inklusive: "Eine Freiheit, von der viele der Künstler, die wir ihnen in den letzten 23. Festivalausgaben präsentiert haben, derzeit nur noch träumen können. Sei es aus wirtschaftlichen Gründen, sei es aus politischen."
Das Festival zeigt Kurz- und Dokumentarfilme, im Spielfilmwettbewerb werden insgesamt zehn Filme präsentiert. Darunter auch der gerade mit einer Welturaufführung auf der Berlinale präsentierte Kinofilm "Transit" von Regisseur Christian Petzold. Das Thema Flucht und Vertreibung, in "Transit" in einer originellen Mischung aus Historie und Moderne aufgegriffen, findet sich auch in anderen Festivalbeiträgen.
Die deutsch-türkischen Beziehungen stehen im Mittelpunkt einiger Werke. In dem Kinofilm "Das deutsche Kind" von Umut Dað geht es um eine türkischstämmige Familie in Deutschland, die - eigentlich gut integriert - plötzlich mit scheinbar überkommenen Vorurteilen konfrontiert wird. Der Film "Die Familie" rückt das schwierige Verhältnis einer Heranwachsenden und ihrer alleinerziehenden Mutter ins Zentrum.
"Eine schwierige Entscheidung" von Ender Özkahraman spielt dagegen im Osten der Türkei und schildert die Sorgen und Nöte eines Mädchens, das Geld für eine Schönheits-OP anspart, doch dann mit ganz anderen Schwierigkeiten und finanziellen Nöten in ihrer engsten Umgebung konfrontiert wird.
Natürlich handeln nicht alle in Nürnberg gezeigten Beiträge von konkreten deutsch-türkischen Beziehungen, doch sie greifen alle gesellschaftliche Probleme auf, die - in verwandter Form - sowohl in Deutschland als auch in der Türkei - eine Rolle spielen.
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Ehrenpreise für Schlöndorff und Ergün
Zwei Altmeister des deutschen und des türkischen Kinos würdigt das Festival gleich zum Auftakt mit dem Ehrenpreis. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff bekommt die Auszeichnung für "sein vielschichtiges filmisches Gesamtwerk, das sich auch durch hohes interkulturelles Selbstverständnis auszeichnet." Er arbeite gesellschaftspolitische Themen meisterhaft und künstlerisch auf und mache sie somit "einem breiten, internationalen Publikum zugänglich" - so die Begründung des Nürnberger Festivals.
Halil Ergün wird den Festivalbesuchern in einer Film-Hommage "als einer der kreativsten Schauspieler der Türkei, der sich in seiner über 40-jährigen Karriere stets erneuerte und nie die Bewunderung seines Publikums verlor" vorgestellt. Das Festival in Nürnberg verweist dabei vor allem auf die Tatsache, dass Ergün sich trotz großer Popularität nie gescheut habe, auch an kritischen Produktionen mitzuwirken. Im Gegenteil: Halil Ergün habe sich und seine Karriere zugunsten seiner Ideale sogar in Gefahr gebracht, so die Kuratoren.
"Mit seiner couragierten politischen Haltung, die auf der Einhaltung von demokratischen Grundprinzipien basierte - fernab von Tages- und Parteipolitik - war er immer eine kritische Stimme, was ihn zum 'Gewissen des Publikums machte." Die Hommage an Halil Ergün", so Festivaldirektor Adil Kaya, "sei durchaus als Zeichen für die gerade aktuelle Situation in der Türkei zu deuten."
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Jochen Kürten
http://p.dw.com/p/2tvAP
Datum: 12.03.2018
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