Europameisterschaft: EM-Viertelfinal-Aus für Deutschland

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Der achtmalige Titelgewinner scheitert bei der Europameisterschaft in seinem ersten K.o.-Spiel gegen Dänemark und an sich selbst. Bis auf Torfrau Schult spielen alle unter ihren Möglichkeiten - ein historisches Debakel.
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Der Regenschauer ergoss sich über das älteste Stadion der Niederlande rund eine Stunde vor Spielbeginn - und die Erinnerungen an gestern Abend liefen wieder wie ein Daumenkino im Kopf ab. Aber es war nur ein kurzer, wenn auch heftiger Wolkenbruch, danach kam kurz sogar die Sonne heraus und das Viertelfinalspiel der DFB-Frauen gegen Dänemark konnte nach der regenbedingten Spielabsage tags zuvor nun endlich angepfiffen werden - ohne Happy End für das deutsche Team. Die Mannschaft von Bundestrainerin Steffi Jones unterlag als Top-Favorit überraschend, aber verdient mit 1:2 (1:0). "Uns hat die Aggressivität und Überzeugung gefehlt. Und wir haben mal wieder die Torchancen nicht genutzt", analysierte Torfrau Almuth Schult die Niederlage. Zum ersten Mal überhaupt in der EM-Geschichte scheiden die DFB-Frauen im Viertelfinale aus.
Und das, obwohl der achtmalige Titelgewinner früh in Führung ging. Es war das erste Tor aus dem Spiel heraus bei diesem Turnier, wenn auch erneut nur dank eines großen Torfraufehlers. Mittelfeldspielerin Isabel Kerschowski vom VfL Wolfsburg lief über links, legte sich am Strafraum den Ball dann auf rechts. Weil keiner der dänischen Spielerinnen sie dabei störte, zog Kerschwoski einfach ab. Torfrau Stina Lykke Petersen versuchte den Ball mit einer Hand zu parieren, legte sich ihn aber selbst ins Netz (3. Minute).
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Wetter passte zum Spiel - oder umgekehrt?
Zunächst bestimmten die DFB-Frauen weiterhin das Spiel. Doch anstatt nun befreit auf zu spielen, leisteten sich die Deutschen viele technische Fehler, waren unkonzentriert bei Pässen und übten wenig Druck auf die Däninnen auf, von denen bis dahin auch wenig kam. Einzig Spielführerin Pernille Harder, die beim Deutschen Meister Wolfsburg unter Vertrag steht, brachte einige Lichtblicke in das dänische Spiel, aber auch ihre Bemühungen im Strafraum waren harmlos. Passte sich das Wetter dem Spiel an oder umgekehrt? Schwer zu sagen. Nach rund 25 Minuten begann es wieder in Strömen zu regnen und Jones schaute in ihrem ersten großen Turnier als Bundestrainerin bedröppelt dem zähen Spiel von der Seitenlinie aus zu.
Nach vorne passierte bei der deutschen Mannschaft bis zur Pause kaum mehr etwas. Ein Konter in der 44. Minute war symbolisch: Der Pass von Linda Dallmann auf Sara Doorsoun kam zu spät und nicht in den Lauf. Doorsoun legte sich dann erst noch den Ball schön zurecht, bevor sie aus rund 18 Metern aufs Tor schoss - jedoch viel zu ungenau. Solche Aktionen machten die Däninnen unnötig stark, die ihrerseits einige gute Chancen kreierten - aber nicht erfolgreich abschlossen.
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Nicht ihr Spiel: Anna Blässe
Das war in der zweiten Halbzeit anders. Stine Larsen setzte sich auf der rechten Seite durch. Die Linienrichterin ruderte mit der Fahne, doch Schiedsrichterin Katalin Kulcsár ließ Vorteil gelten. Die Deutschen wirkten verwirrt, während Larsen flankte und Nadia Nadim vollkommen unbedrängt von Anna Blässe einköpfen konnte. Blässes Tag war es heute nicht, sie spielte von Beginn an behäbig und unsicher und war so ein Unsicherheitsfaktor in der deutschen Abwehr. Torfrau Schult musste eine Minute später das zweite Gegentor verhindern.
Und Spielführerin Dzsenifer Marozsan? Von der Deutschen Fußballerin des Jahres war wie auch schon in den drei Gruppenspielen zuvor kaum etwas zu sehen. Die Däninnen spielten auch nicht herausragend, aber sie merkten,  dass die Überraschung gegen den Favoriten möglich war. Zunächst traf Veje nur die Latte aus vier Metern (57.), dann scheiterte Harder alleine vor Schult (58.). Die Deutschen spielten weiterhin lustlos und uninspiriert, kamen zwar ab und an wieder vor das Tor der Gegnerinnen, aber ohne den Willen, unbedingt das Tor machen zu wollen. Das erzielten dafür die Däninnen sieben Minuten vor Ende der regulären Spielzeit - eine Kopie des ersten Tores: Frederikke Thögersen flankte von rechts, wo Theresa Nielsen völlig frei zu Kopfball kam (83.).
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"Wir haben es heute einfach nicht gebracht"
"Wir sind einfach nur enttäuscht. Wir hatten uns so viel vorgenommen", meinte Lena Goeßling. Die ungewohnte Uhrzeit, 12 Uhr, machten dem deutschen Team offenbar deutlich mehr zu schaffen als den Gegnerinnen. "Alles war ausgerichtet auf Abendspiele. Wir haben überhaupt nicht in unseren Rhythmus gefunden", so Schult. Was sie jedoch nicht als Entschuldigung zu ließ. "Wir haben es heute einfach nicht gebracht."
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Österreich sensationell weiter
Im Halbfinale treffen die Däninnen nun auf Österreich, das sich überraschend mit 5:3 (0:0, 0:0) im Elfmeterschießen gegen Spanien durchsetzte. Nach 120 Minuten waren - auch mangels Torchancen - keine Tore gefallen. Dann behielten alle österreichischen Schützinnen die Nerven, während  dann die nerven und verwandelten allesamt sicher vom Punkt, während Spaniens Silvia Mesequer an Torfrau Manuela Zinsberger scheiterte.
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Kommentar: Kein Selbstläufer mehr

Das Aus der deutschen Fußballfrauen im Viertelfinale der EM ist ein denkbar schlechter Einstieg für Bundestrainerin Steffi Jones. Sie wird schnellstens Erfolge liefern müssen, kommentiert Tobias Oelmaier.
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Über Jahrzehnte hat der deutsche Frauenfußball Europa dominiert. Bei acht von elf EM-Ausgaben stellte der DFB bisher die Siegerinnen, die letzten sechs Male gelang der Titelgewinn sogar ohne Unterbrechung. EM-Pokal und Deutschland, das wurde zum Synonym für Frauenfußball. Silvia Neid, Heidi Mohr, Martina Voss oder Doris Fitschen waren die Pionierinnen in den Achtzigern, brachten das DFB-Team auf die Erfolgsspur, die mit dem Olympiasieg 2016 in Rio ihr vorläufiges Ende fand.
Doch jetzt der Schock - das frühe Aus im Viertelfinale bei der Europameisterschaft in den Niederlanden; gegen einen der leichtesten Gegner dort, gegen Dänemark. Und man kann nicht einmal sagen, dass die 1:2-Niederlage unverdient oder unglücklich gewesen wäre. "Der Siegeswille war das Entscheidende", analysierte Bundestrainerin Steffi Jones nach der Partie. Nicht zu vergessen, dass sich die deutschen Frauen schon in den Vorrundenspielen beim torlosen Unentschieden gegen Schweden und dem 2:1-Sieg gegen Italien schwer getan hatten und auch beim 2:0 gegen schwache Russinnen nicht überzeugen konnten. Drei der vier Tore fielen vom Elfmeterpunkt, das andere resultierte aus einem krassen Torwartfehler. Spielkultur: Mangelware. Und wenn sich schon mal Chancen ergaben, wurden die geradezu fahrlässig vergeben.
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Falsche Taktik, zu wenig Wille
Klar, einige Leistungsträgerinnen hatten nach Olympiagold ihren Rücktritt erklärt, weitere waren verletzt. Die anderen Nationen haben aufgeschlossen, die Spitze wird breiter. Dennoch: In Deutschland ist eine Fußball-Infrastruktur vorhanden, nach der sich die Konkurrenz die Finger lecken würde. Zudem müsste durchaus Nachwuchs vorhanden sein, angezogen von den großen Erfolgen der Vergangenheit. Unerklärlich sind deshalb die vielen gerade technischen und taktischen Mängel jetzt in den Niederlanden. Fehlpässe, unbedrängt über kürzeste Distanz, Mängel bei der Ballannahme und -weiterverarbeitung und eben diese eklatante Abschlussschwäche.
Jones war mit der Ambition in die EM gestartet, die Spielweise zu ändern und offensiver zu agieren und davor gewarnt, dass das Turnier für ihre Mannschaft eigentlich zu früh komme. Aber darf eine Bundestrainerin vor so einem wichtigen Wettbewerb experimentieren? Und sollte sie vor allem an einem System festhalten, das die Mannschaft noch nicht umzusetzen in der Lage war? Zumal Jones´ überaus erfolgreiche Vorgängerin Sylvia Neid, inzwischen Leiterin der Scouting-Abteilung beim DFB, schon nach der Vorrunde feststellte, dass es die offensiven Teams momentan schwer haben, weil viele Gegner nur darauf bedacht seien, deren Spiel zu zerstören. Diesen Trend hatte Neid auch schon ein Jahr zuvor bei den Männern bei den kontinentalen Titelkämpfen in Frankreich ausgemacht.
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Noch kein weiblicher Beckenbauer
Steffi Jones hatte sich, als sie ihr Amt im Herbst 2016 von Neid übernahm, vermeintlich in ein gemachtes Nest setzen dürfen. Erfolg schien programmiert. Jones war auserkoren, der weibliche Franz Beckenbauer zu werden. Als eine der besten Abwehrspielerinnen ihrer Zeit, mehrfache Europameisterin, Weltmeisterin 2003, wenngleich sie sich in der Vorrunde schwer verletzt hatte und fortan nicht mehr aktiv mitwirken konnte. Dann Chefin des Organisationskomitees der Heim-WM 2011 und später Direktorin beim DFB für Frauen-, Mädchen- und Schulfußball. Und im Gegensatz zum "Kaiser" verfügt sie sogar über den Fußballlehrerschein.
Beckenbauer machte damals mit seinem Erfolg die Kritiker mundtot. Weltmeister 1990 - wer fragt da noch nach Lizenzen? Steffi Jones ist den Beweis ihrer Trainer-Qualitäten bisher schuldig geblieben. Jetzt muss sie sich denselben Mechanismen aussetzen wie ihre männlichen Kollegen, muss sich fragen lassen, ob sie denn geeignet sei für diesen Job. Sie selbst will weitermachen. Vielleicht gibt man ihr noch eine Chance. Die sollte sie dann aber auch nutzen. 2019 findet die WM in Frankreich statt. Spätestens dann muss sie liefern. Der deutsche Frauenfußball hat die Latte selbst hochgelegt, an der er nun gemessen wird. Steffi Jones wird sie überspringen müssen. Und das ist anders als früher kein Selbstläufer mehr.
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Tobias Oelmaier    
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Datum: 31.07.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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