Die 70. Ausgabe des Filmfestivals Locarno: Aus- und Rückblick im Jubiläumsjahr

Kino | Präsentationen

18 Filme bewerben sich in diesem Jahr um den Goldenen Leoparden, den Hauptpreis des Schweizer Festivals. Mit dabei ist auch eine deutsche Produktion. Locarno schaut in diesem Jahr aber auch zurück.
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"Freiheit" heißt der zweite Spielfilm des deutschen Regisseurs Jan Speckenbach und damit hat er den Sprung in den Wettbewerb von Locarno geschafft. Nach Freiheit strebt Nora, gespielt von Johanna Wokalek, zweifache Mutter. Sie lässt Kinder und Mann in Deutschland zurück und macht sich auf eine Reise, die sie bis in die Slowakei führt. Ein radikaler Befreiungsversuch, der natürlich auch Fragen aufwirft.
Als Mutter die eigenen Kinder zu verlassen um sich selbst zu verwirklichen, das ist die äußerste Form der Selbstverwirklichung und erinnert an die gerade verstorbene Jeanne Moreau, die in Louis Malles Film "Die Liebenden" diesen radikalen Weg auch schon einmal gegangen ist - damals ein Skandal. Die Moreau war mit ihren Filmen mehrmals Gast in Locarno, auch daran erinnert das Festival in diesen Tagen.
Wie überhaupt in diesem Jahrgang viel zurückgeblickt wird in Locarno, 70 Jahre, das ist eine stolze Festivalgeschichte. Locarno, stets ein wenig im Schatten der großen Drei, Cannes, Venedig und Berlin, hat diese Stellung oft nutzen können. Nicht auf die ganz großen, prominenten Regiegrößen trifft man hier, dafür ist die Entdeckerfreude bei Fans und Experten umso größer. Viele ehemals unbekannte Regisseure haben hier ihre Karriere begonnen, weil sie von den Festivaljurys mit Preisen bedacht wurden: Atom Egoyan oder Andrei Tarkowski sind Beispiele dafür.
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Internationales Programm im Locarno-Wettbewerb
Auch bei der 70. Ausgabe (02.08.-12.08.2017) setzen die Festivalmacher um ihren künstlerischen Direktor Carlo Chatrian auf eher unbekanntere Filmemacher. Jan Speckenbach tritt im Wettbewerb (Concorso internazionale) gegen ein halbes Dutzend französische Co-Produktionen an. Allein vier Filme kommen aus den USA. Ein chilenischer Film ist dabei, ein brasilianischer, eine Produktion kommt aus Palästina und die große Tradition von Locarno, immer auch das asiatische Kino im Auge zu haben, wird auch in diesem Jahr mit zwei chinesischen Filmen beibehalten.
Neben dem Wettbewerb hat das Festival seit Jahren ein anderes wichtiges künstlerisches Zentrum: Auf der Piazza Grande laufen vor meist 8000 Zuschauern und einer stimmungsvollen abendlichen Kulisse alte und neue Filme. Letztere bewerben sich um den begehrten Publikumspreis. Auch dort sind in diesem Jahr zwei deutsche Produktionen dabei.
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Deutsche Beiträge: Der Mensch inmitten der Natur
Jan Zabeil schickt in "Drei Zinnen" einen Mann und einen Jungen auf eine gefährliche Bergwanderung - und knüpft damit an sein bemerkenswertes Debüt "Der Fluss war einst ein Mensch" von 2012 an. Auch damals war Darsteller Alexander Fehling, wie in dem neuen Film auch, allein inmitten einer gewaltigen Naturkulisse im Kampf mit den Gewalten und dabei an die eigenen psychischen Grenzen stoßend. Natur und Mensch - das könnte auch das Oberthema des Films "Iceman" ("Der Mann aus dem Eis") sein, der ebenfalls auf der Piazza Grande läuft. Regisseur Felix Randau befördert dort Jürgen Vogel als legendären Ötzi ins ewige Eis - man darf gespannt sein!
Im Jubiläumsjahr setzen Chatrian und Festivalpräsident Marco Solari aber auch auf große Stars. Erwartet werden in den kommenden Tagen unter anderem Charlize Theron, Noomi Rapace, Glenn Close und William Dafoe aus Hollywood. Dazu kommen ein paar Akteure des internationalen Films, die in diesem Jahr besonders geehrt werden. Die deutsche Schauspielerin Nastassja Kinski wird mit einer Hommage bedacht, der amerikanische Schauspieler Adrien Brody, den man vor allem aus Roman Polanskis "Der Pianist" kennt, erhält am 4. August den "Leopard Club Award 2017".
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Todd Haynes und Jean-Marie Straub erhalten Ehren-Leoparden
Brodys Landsmann, der Regisseur Todd Haynes ("I'am not there", "Carol"), einer der interessantesten Independent-Filmemacher Nordamerikas, erhält in diesem Jahr den Ehren-Leoparden des Festivals. Die gleiche Ehre wird 2017 dem französischen Regisseur Jean-Marie Straub zuteil. Der in Metz geborene Straub war einer der Wegbereiter des Neuen Deutschen Films.
Die größte Aufmerksamkeit in Sachen Kinorückblick dürfte aber die alljährliche große Retrospektive des Festivals auf sich ziehen, die wie in jedem Jahr zu einem der Festivalhöhepunkte werden dürfte. Die Locarno-Retros haben in der Szene einen legendären Ruf. 2017 schauen alle auf den Regisseur Jacques Tourneur (1904 - 1977). Wie Jean-Marie Straub wurde auch Jacques Tourneur in Frankreich geboren, wie Straub drehte auch Tourneur seine wichtigsten Filme in einem anderen Land, fern der Heimat.
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Tourneur schuf meisterliche Genrefilme

Der in Paris geborene spätere Regisseur ging mit seinem Vater Maurice Tourneur, ebenfalls ein bekannter Filmemacher, früh nach Hollywood. Dort inszenierte Jacques Tourneur ab 1937 zahlreiche Filme mit zunächst kleinem Budget. Trotzdem gelang es ihm mit wenig Geld große Kunst auf die Beine zu stellen. Filme wie "Cat People" und "I Walked with a Zombie" gehören heute zu den Perlen des frühen atmosphärischen Horrorfilms.
Später wandte sich Tourneur einem anderen Genre zu, dem Film Noir. Auch hier schuf er Meisterwerke wie "Out of the Past" und "Berlin-Express".
So dürfte auch in diesem Jahr das Festival am Lago Maggiore wieder für viel Freude bei den angereisten Cineasten sorgen. In den einzelnen Festivalsektionen werden fast 300 Filme gezeigt.
Im Wettbewerb und auf der Piazza Grande sowie in den Reihen "Concorso Cineasti del presente" und "Signs of Life" dürfte viel Neues zu entdecken sein. Die Retrospektiven und Hommagen werden dagegen in Erinnerung rufen, wie reichhaltig und vielfältig die Geschichte des Kinos ist.
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Jochen Kürten
http://p.dw.com/p/2hUAr
Datum: 05.08.2017
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