Dekadenz der Großstadt: Ausstellung "Glanz und Elend der Weimarer Republik"

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Die Weimarer Republik (1918-1933) war eine aufregende und widersprüchliche Ära, von politischen, künstlerischen und sozialen Umbrüchen geprägt. Eine Ausstellung in Frankfurt zeigt die Kunst jener Zeit.
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Die Weimarer Republik war Deutschlands erster Versuch einer Demokratie. Sie folgte auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und endete mit Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933. In der populären Kultur wird diese Zeit oft als dekadent beschrieben: Frauen lebten neu erkämpfte Freiheiten aus, Homosexualität war - zumindest im Nachtleben der Großstädte - kein Tabu mehr, Alkohol und Drogen waren leicht zu haben in den Tanzbars von Berlin.
Berlins dekadenter Ruf eilte der pulsierenden Metropole voraus. Durch die Reform der Stadtgrenzen und die starke Zuwanderung wurde die Stadt an der Spree in den 1920ern zur drittgrößten Stadt der Welt. Die Einwanderer - unter ihnen unterschiedlichste Gruppen wie Kriegsversehrte, schwerreiche Vertreter der Oberklasse, proletarische Industriearbeiter und Künstler - brachten unterschiedliche Erfahrungen mit sich und machten das Berlin der Weimarer Republik zu einem Ort der starken Kontraste: Während mondäne Damen des Großbürgertums mit Fellstolas auf dem Ku'damm flanierten, hungerten ganze Familien in den engen Wohnungen der Arbeiterviertel.
Während Regisseur Tom Tykwer die Ära überaus erfolgreich in seiner neuen TV-Serie "Babylon Berlin" (läuft im Pay-TV Sky) porträtiert, beschäftigt sich die Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn auf andere Weise mit dem Thema: "Glanz und Elend in der Weimarer Republik" präsentiert jene Künstler, die diese unruhige Zeit in Skizzen und Gemälden festhielten.
Mit 190 Arbeiten von 62 verschiedenen Künstlern konzentriert sich die Ausstellung auf das gesellschaftliche und politische Unbehagen, das in jener Zeit vorherrschte. Das wird sowohl in den Inhalten der Arbeiten deutlich, als auch in ihren Motiven und Stilrichtungen, die vom den europäischen Modeströmungen Dadaismus und Kubismus beeinflusst waren.
Kuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer hat versucht für diese Ausstellung nochmal zu erforschen, inwieweit die Weimarer Zeit unsere modernen Grundsätze geprägt hat. "Wir lesen die Geschichte der Weimarer Republik oft vom Ende her - von ihrem Übergang in den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg", sagt sie.
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Industrieller Fortschritt und wirtschaftlicher Abschwung
Die Künstler der Weimarer Zeit - Literaten, Tänzer, Schauspieler und Musiker - versuchten den Aufruhr und die Turbulenzen ihres Alltags festzuhalten – besonders in der Metropole Berlin.
Der Schriftsteller Alfred Döblin beschreibt in seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" (1929) eine typische Straßenszene: "Am Alexanderplatz reißen sie den Damm auf für die Untergrundbahn. Man geht auf Brettern. Die Elektrischen fahren über den Platz, die Alexanderstraße herauf durch die Münzstraße bis zum Rosenthaler Tor. Rechts und links sind Straßen. In den Straßen steht Haus bei Haus. Die sind vom Keller bis zum Boden mit Menschen voll. Unten sind die Läden. (…) Über den Läden und hinter den Läden aber sind Wohnungen, hinten kommen noch Höfe, Seitengebäude, Quergebäude, Hinterhäuser, Gartenhäuser."
Einerseits sieht man in dieser Szene den industriellen Fortschritt und nimmt sogar eine kleine Spur wachsenden Reichtums im Berlin der Zwischenkriegsjahre wahr. Andererseits deutet sich schon die soziale Ungleichheit an, die mit dem wirtschaftlichen Abschwung einherging und nach der Weltwirtschaftskrise 1929 ihren Höhepunkt findet.
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Die neue Sachlichkeit
Die Weimarer Republik, mit all ihren sozialen Spannungen und politischen Kämpfen, wird zum Nährboden für die Künstler ihrer Zeit. Die gebürtige Berlinerin Jeanne Mammen kehrt noch im Ersten Weltkrieg als Flüchtling aus Frankreich in ihre Heimat zurück. Während der Weimarer Jahre hat sie ihr Atelier in unmittelbarer Nähe des Ku'damms - ein Platz in der ersten Reihe, sehr geeignet um die reiche, privilegierte Elite zu beobachten, die sie gern in Nachtklubs und bei Privatpartys zeichnet.
Otto Dix, selbst Weltkriegsveteran, hält auf seine, sehr karikierende Weise die sozialen Milieus der Stadt fest. Er konzentriert sich auf die gesellschaftlichen Außenseiter, malt und zeichnet die vielen Prostituierten, Lebendamen
Künstler wie Dix und seine Zeitgenossen bildeten in ihren Bildern auch den Kampf für Demokratie ab. Sie reflektierten die alltägliche Realität in einer Übergangsgesellschaft, die zwischen Krisen eingeklemmt war. Der neue Realismus oder die "Neue Sachlichkeit", die Kunstrichtung der Stunde, waren voller politischer und sozialer Kritik. Die Künstler deckten die wirtschaftliche Spaltung auf, die mit der Industrialisierung einher ging.
Durch die Dokumentation dieser Widersprüche wurde die Kunst der Weimarer Zeit auch erwachsen, sagt Kuratorin Pfeiffer. "Trotz der negativen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die die Künstler in ihren Werken so pointiert schildern, entstand die bis heute prägende 'Moderne'", sagt sie.
Und sie fährt fort: "Die Weimarer Republik war eine progressive Epoche, in der viele wegweisende Ideen entworfen wurden - nicht nur in der Kunst, der Architektur und dem Design. (...) Neben dem offenkundigen Elend markieren für mich all diese Tendenzen den Glanz der Weimarer Republik."
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Die Ausstellung "Glanz und Elend in der Weimarer Republik" läuft vom 27.10.2017 bis zum 25. Februar 2018 in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt.
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Courtney Tenz (pj)    
http://p.dw.com/p/2mjgV
Datum: 07.11.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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