Das Ruhrgebiet bekommt einen Fluss zurück

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Einst lebten Fische und Krebse in der Emscher, dann wurde der Fluss im größten Industriegebiet Deutschlands zur Kloake. Rund 24 Kilometer sind inzwischen renaturiert: Es ist das weltweit größte Projekt dieser Art.
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"Der Gestank ist besonders im Sommer und wenn der Wind ungünstig steht schon nervig", sagt Eckart Hoffmann-Schewe. Seit über 30 Jahren wohnt der 63-Jährige mit seiner Frau im Grenzgebiet zwischen den Städten Oberhausen und Duisburg, in unmittelbarer Nähe zu Deutschlands Flusskloake Emscher. Dennoch lebt der Lehrer gerne in dieser Region des Ruhrgebiets und freut sich nun natürlich, dass die Renaturierung des Flusses in die letzte Runde geht. "Natürlich ist das erst einmal aus ökologischer Sicht gut und der Gestank ist dann weg. Aber die Renaturierung hat auch einen großen Schub in Sachen Jobs und Projektarbeit für die Region gebracht." Dem stimmt Ilias Abawi von der Emschergenossenschaft zu: "Bis zu 2.700 Arbeitsplätze hat das Projekt gebracht - direkt oder indirekt. Und auch nach dem Projekt geht es weiter hinsichtlich solcher Bereiche wie zum Beispiel Tourismus, Wartung und Ökologie."   
Unter dem Flusslauf, der oft wie ein schmaler Kanal von wenigen Metern Breite aussieht, wird ein bis zu 40 Meter tief liegendes Betonrohrsystem von 51 Kilometern Länge verbaut. In dieses Röhrensystem wird das Abwasser künftig komplett eingeleitet. Der renaturierte Fluss wird von seiner Quelle in Holzwickede bis zur Mündung im Rhein wieder klares Wasser führen. Tiere und Pflanzen werden wieder angesiedelt, die Natur soll sich den Lebensraum zurückholen.   
"Rund 24 Kilometer Emscher und Nebengewässer sind inzwischen renaturiert. Insgesamt müssen mehr als 400 Kilometer an Abwasserkanälen gebaut werden - davon sind über 300 Kilometer bisland geschaffen worden", sagt der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft, Uli Paetzel. Die Restarbeiten sollen in den kommenden zwei Jahren über die Bühne gehen. Die UN hat die Renaturierung der Emscher bereits 2014 als Großprojekt gewürdigt.  
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Übertragung auf andere Regionen
Wissenschaftler wie die Professorin Jasmin Mantilla-Contreras, Ökologin an der Universität Hildesheim, sehen den Umbau der Emscher positiv: "Projekte wie die Emscher-Renaturierung können in vielen Fällen auf andere Regionen übertragen werden. Viele Flüsse sind von ähnlichen Problemen betroffen. Sie wurden begradigt, die Seitenarme stillgelegt, der eigentliche Flusslauf vertieft. Durch diese Maßnahmen wurde zum einen die natürliche Dynamik zerstört, zum anderen sind aber auch ganze Ökosysteme wie Auenwälder verloren gegangen." Bei der Emscher komme eine hochgradige Belastung durch Abwasser als weiteres Problem hinzu. "In solchen Fällen ist nicht nur der Rückbau der Begradigungsmaßnahmen und die Wiederöffnung ehemaliger Seitenarme nötig, sondern auch eine grundlegende Reinigung des Flusses."   
Das Interesse an dem weltweit größten Flussrenaturierungsprojekt ist groß. "Regelmäßig informieren sich bei uns Besucher über unser Projekt - oft kommen sie aus Asien. Dort gibt es noch Bergbau, da steht der Strukturwandel noch bevor, den das Ruhrgebiet schon fast hinter sich hat", sagt Ilias Abawi von der Emschergenossenschaft.
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Bedeutung für den Klimaschutz  
Solche Projekte tragen zum Klimaschutz bei, erklärt Mantilla-Contreras: Ein gesunder Flusslauf mit flächigen Auenwälder sei wichtig, weil diese Wälder Kohlenstoff speichern. Gleichzeitig seien Auenwälder "unerlässlich für einen vernünftigen Hochwasserschutz: Die natürlichen Überflutungsbereiche sind gerade im Zuge des Klimawandels besonders wichtig, da mit immer mehr Wetterextremen gerechnet werden muss." Zum Beispiel starker Regen, der Flüsse schnell ansteigen lässt: "Ohne Überflutungsbereiche gelangt dieses Wasser direkt in Ortschaften oder landwirtschaftlich genutzte Flächen."
Das sieht auch Professor Helmut Grüning von der Fachhochschule Münster so. "Hier ist die Emschergenossenschaft gefordert, dafür zu sorgen, dass es in urbanen Bereichen nicht zu Überflutungen kommt. Zwischen Castrop-Rauxel und Dortmund ist bereits ein Rückhaltebecken gebaut worden", sagt der Professor für Wasserversorgung und Entwässerungstechnik. Er wohnt in Castrop-Rauxel in der Nähe der Emscher und hat sich viel mit dem Thema beschäftigt.
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Bergbau und Renaturierung  
Die Emscher ist untrennbar mit dem Bergbau verbunden. Früher konnte wegen der durch den Bergbau entstanden Absenkungen keine Renaturierung erfolgen. Nun läuft der Bergbau endgültig aus - aber nicht ohne eventuelle Folgen. Das Stichwort heißt hier Grubenwasser: "Wir wissen nicht, was in der Vergangenheit bei den Bergwerksarbeiten in das Wasser eingeleitet wurde. Es muss untersucht und unter Umständen vorbehandelt werden, bevor es in das Gewässer eingeleitet wird. Das muss ständig überwacht werden", erklärt Wasserexperte Grüning.
Die Emschergenossenschaft verweist hier auf das Bergbauunternehmen RAG AG: "Wir sitzen zusammen und planen. Ab 2020 soll das Grubenwasser gereinigt und dann direkt in den Rhein geleitet werden. Dort ist die Wassermenge so groß, dass es keine Nachteile gibt." Das über Jahrzehnte eingeleitete Grubenwasser muss somit dauerhaft abgepumpt werden, damit es nicht ins Grundwasser gelangt. Das sind die sogenannten Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlebergbaus.
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Sicherer Beton  
Bei der Festigkeit der Abwasserkanäle befürchtet der Wissenschaftler Grüning keine Probleme: "Die Technik der Emschergenossenschaft ist sehr innovativ und der Kanal ist relativ gut überwacht." Zwar könnten biogene Schwefelsäuren entstehen, die den Beton angreifen könnten - aber der ausgewählte Beton sei sehr leistungsstark.  
Ob der ursprüngliche Zustand der Emscher wiederhergestellt werden kann, ist ungewiss. "Flüsse als dynamische Systeme lassen sich in der Regel gut renaturieren. Häufig hilft schon die Wiederherstellung der natürlichen Dynamik, damit sich von alleine Sandbänke und Auenbereiche entwickeln", erläutert die Ökologin Mantilla-Contreras. "Dies geht im Vergleich zu anderen Ökosystemen wie Wäldern oder Mooren recht schnell. Bei stark verschmutzten Flüssen ist die Situation natürlich schwieriger. Dennoch konnten in der Vergangenheit viele stark verschmutzte Flüsse in einen deutlich besseren Zustand überführt werden. Meine Prognose für das Projekt ist daher ganz optimistisch."
Helmut Grüning von der Fachhochschule Münster wünscht sich, dass sich die Lebensqualität der Menschen im Ruhrgebiet wieder verbessert: "Dass sich das mit dem Gestank wieder erledigt, ist ungeheuer wichtig. Das kann man Leuten nicht zumuten. Und schlussendlich muss man sagen, es ist gut, das man versuchen will, die Wunden, die man damals geschlagen hat, wieder zu heilen."
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Carsten Grün
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Datum: 15.07.2017
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