Das Beethovenfest und die "Ferne Geliebte"

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Dass ein Großteil der Popmusik mit der Liebe zu tun hat, ist längst bekannt. Dass die Liebe aber auch den Impuls für eine Reihe von Werken der klassischen Musik gab, zeigt das diesjährige Bonner Beethovenfest.
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Eröffnet wird das Fest am 8. September mit einem dreitägigen Freiluft-Festival auf sechs Bühnen im Bonner Stadtzentrum. Zum vielfältigen Programm gehören die Live-Übertragungen zweier Konzerte aus dem World Conference Center Bonn (WCCB). Gezeigt wird am Freitagabend das Eröffnungskonzert mit dem Mariinsky Orchestra St. Petersburg unter der Leitung von Valery Gergiev, zwei Tage später die Aufführung des hr-Sinfonieorchesters mit Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada. Ihre Übertragung folgt auf ein umfangreiches Vorprogramm auf dem Bonner Marktplatz in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle.
Die für diese Aufführung angekündigte Pianistin aus Georgien, Khatia Buniatishvili, hatte die Veranstalter "sehr kurzfristig im Stich gelassen", sagte Intendantin Nike Wagner am Freitag (08.09.2017) in Bonn. Der Spanier Javier Perianes sprang kurzfristig ein. "Umso größer wird die Spannung", so Wagner.
Insgesamt werden sechs große Orchester beim diesjährigen Fest auftreten. Hinzu kommen drei Spezialensembles mit Originalinstrumenten und historisch informierter Aufführungspraxis. Ob bei der Orchester- oder Kammermusik, es geht darum, "möglichst einen dramaturgischen roten Faden durch jedes Programm zu ziehen", sagt Nike Wagner.
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Ferne Liebe, große Sehnsucht
Historischer Ausgangspunkt des diesjährigen Mottos "Ferne Geliebte" sind die Jahre 1814-1816, eine Zeit der Krise im Leben Ludwig van Beethovens. Nach den großen, erfolgreichen Werken seiner mittleren Schaffenszeit wandte sich der zum damaligen Zeitpunkt fast vollständig taube und zunehmend einsame Komponist nach innen. Resultat dieser Veränderung: "Die ferne Geliebte", der erste Liederzyklus der Musikgeschichte, und eine Explosion der Produktivität. So ist Ludwig van Beethovens späte Schaffenszeit von radikal kompromisslosen, auch revolutionären Werken geprägt.
Ebenfalls mit diesem Wandel in Beethovens Leben verbunden ist die sagenumwobene "unsterbliche Geliebte" - jene unbekannte Adressatin eines leidenschaftlichen Liebesbriefes, den Beethoven im Jahr 1812 schrieb. Bis heute sind die Musikforscher uneinig, wer unter den vielen Frauen in Beethovens Leben sie gewesen sein mag. Auch in der Zeit nach Beethoven inspirierte diese "unsterbliche Geliebte" viele Kunstwerke.
Bei zwei Genres, dem Kunstlied und dem Madrigal, ist die Thematisierung der Liebe besonders stark. Beide tauchen auch im Programm des Beethovenfestes auf, etwa mit einem "Tag des Liedes", der vom deutschen Pianisten und Musikwissenschaftler Siegfried Mauser moderiert wird. Das, so Nike Wagner, sei ein Beispiel dafür, wie dieses Festival "auch gern analytisch in die Tiefe, nicht nur in die Breite" gehen möchte. Das Thema "Ferne Liebe" spreche den "Innenraum" von Konzertbesuchern an, erklärt Nike Wagner weiter, einen Raum, der "in der heutigen lärmenden Zeit nicht verloren gehen und geschützt werden" solle.
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Die Innenräume ausloten
Realisiert wird das an vielen Stellen im Programm durch Kammermusik, die im Vergleich zu Orchesterkonzerten ein intimeres, intensiveres und gleichzeitig herausforderndes Hörerlebnis bietet: An einem "Streichquartett-Wochenende" können Besucher sämtliche Streichquartette aus Beethovens später Schaffenszeit hören.
Es darf aber auch mal krachen beim Fest - mit Auftritten großer Namen der Orchesterlandschaft, wie etwa den Bamberger Sinfonikern mit Dirigent Jakub Hrůša oder dem BBC Symphony Orchestra, dirigiert von Sakari Oramo. Auch sie haben ihre Konzerte mit Werken rund um die Themen Liebe und Sehnsucht versehen. Zu den nennenswerten Solo- und Kammermusikkünstlern gehören der russisch-deutsche Kult-Pianist Igor Levit, der renommierte niederländische Hammerklavier-Spezialist Ronald Brautigam oder der weltweit bekannte Liedersänger Matthias Goerne.
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Nicht nur Beethoven - und nicht nur Klassik
Drei Abende mit zeitgenössischem Tanz, ein Literaturabend mit der deutschen Journalistin und Politikerin Christina Weiss, ein Programm für Kinder mit dem Titel "Ludwig + Du" sowie ein Schülermanagementprojekt sind beim diesjährigen Beethovenfest ebenfalls vertreten. Für das Schülerprojekt konnte Francesco Tristano gewonnen werden. Der luxemburgische Pianist ist mehrfach auf CD mit Werken von Cage, Bach, Ravel und Strawinsky vertreten, gehört jedoch auch zur Club-Szene und dient daher als ideale Brückenfigur für junge Leute. Die Schülermanager sollen sich nicht nur im Konzertveranstaltungsmanagement üben, sondern auch ihre musikalischen Ideen einbringen, die in Zusammenarbeit mit Tristano umgesetzt werden.
Ein Experiment wird im Arkadenhof der Bonner Universität gewagt: In einem Kegel steht an drei Tagen ein Flügel, an dem jede halbe Stunde ein anderer Pianist sitzt. Passanten können sich frei bewegen und die Musik sitzend, stehend oder spazierend aufnehmen.
Bis zum Festivalbeginn wurden etwa die Hälfte der 31.000 verfügbaren Eintrittskarten verkauft, 13 Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Somit liege das Festival "im guten Fahrwasser", sagte Geschäftsführer Dettloff Schwerdtfeger. Selbst mit der Verkürzung von vier auf drei Wochen gehört das Bonner Beethovenfest mit 54 Konzerten bis zum 1. Oktober, 2000 Künstlern und einem Gesamtetat in Höhe von 4,5 Millionen Euro zu den größeren Kulturveranstaltungen in Deutschland.
Die Deutsche Welle zeichnet in diesem Jahr acht Konzerte des Festivals auf, die in der Konzertreihe "Concert Hour" von Partnersendern in Übersee ausgestrahlt werden. Eine Reihe von Musiken werden per On Demand-Stream oder Podcast auf dw.com/beethovenfest zu hören sein. Über das Fest wird ferner die TV-Reihe "Sarah's Music" berichten.
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Rick Fulker
http://p.dw.com/p/2jakw
Datum: 16.09.2017
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