Bundestagswahl: Netzbeben unter Kulturschaffenden bleibt aus

Präsentationen | Verschiedenes

Für die Kulturschaffenden in Deutschland war dieser Wahl-Sonntag kein Tag wie jeder andere. Viele von ihnen riefen im Internet zum Urnengang auf. Erste Reaktionen auf das Erstarken der AfD zeigen eine Schockstarre.
***
Ein Netzbeben löste der Wahlausgang - jedenfalls unter Kulturschaffenden - nicht aus. Die Reaktionen auf Twitter, Facebook oder Instagram blieben in den ersten Stunden nach Schließung der Wahllokale überschaubar. Wer herumsurfte, um Kommentare und Einschätzungen von Theaterleuten, Künstlern, Schriftstellern oder Kulturmanagern zu gewinnen, hatte mäßigen Erfolg.
Kulturmanager Kaspar König, Kurator der "Skulptur Projekte Münster", zeigte sich auf Anfrage der DW "erschreckt" über das zweistellige Ergebnis der Rechtspopulisten. Sie hätten im Wahlkampf bewusst eine "unverhohlen rassistische Dumpfstimmung" geschürt, die er auch für Zerstörungen an Kunstwerken der Münsteraner Kunstschau verantwortlich macht.
***
Kaspar König beklagt die von AfD verbreitete "Dumpfstimmung"
So hatten Unbekannte eine Skulptur der US-Amerikanerin Nicole Eisenman enthauptet. Die Gipsfigur ist Teil der Installation "Sketch for a Fountain". Andere Werke wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. "Da gibt es einen  klaren Zusammenhang", ist sich König sicher. Im Bundestag, prognostiziert er, werde "sich die AfD selbst zerlegen" und auf die Kulturpolitik im Lande wenig Einfluss nehmen können.
"Enttäuscht" reagiert auch der Plakatkünstler Klaus Staeck  auf den Wahlausgang. Der frühere Präsident der Akademie der Künste in Berlin beklagt vor allem den Absturz der SPD, für die er sich noch im Wahlkampf stark gemacht hatte. Seinem Wahlaufruf in Zeitungsanzeigen waren prominente Kulturschaffende gefolgt, darunter die Schauspielerinnen Iris Berben, Katja Ebstein, der Schriftsteller Johanno Strasser oder auch der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann.
***
Staeck glaubt an einen  Weckruf
Für die deutsche Kulturlandschaft rechnet Staeck jedoch kaum mit nennenswerten Veränderungen. "Die AfD mit ihrem absurden Geschichtsverständnis wird keine Koalitionspartner finden", sagte Staeck gegenüber der DW, "aber für die Kulturschaffenden im Lande ist dieses Ergebnis ein Weckruf!"
Als solchen versteht offenbar auch Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, das Abschneiden der AfD. Mehr noch: Sie befürchte "Schlimmstes", wenn sie die Sprachwahl von AfD-Vize Alexander Gauland höre, schrieb die Autorin noch am Wahlabend auf Twitter.
Auch die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali erinnerte per Tweet an die Rechte und die Pflichten der Demokratie:
Olaf Zimmermann, der Vorsitzende des Deutschen Kulturrats, fordert eine Aufarbeitung, wieso die AfD überhaupt so stark werden konnte:
***
"Kultur litt am meisten unter den Nazis "
"Kultur", glaubt der Kunstmarktexperte und Art Cologne-Gründer Rudolf Zwirner im DW-Interview, "ist für die AfD" überhaupt kein Thema. Zu nebulös seien die kulturpolitischen Vorstellungen der "Retropartei", die beim Wahlvolk mit einfachen, nationalistischen Ideen gepunktet habe. Das Abschneiden der Rechten habe seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, ihr massiver Einzug in den Bundestag sei eine schlimme Nachricht: "Nie hat die Kultur so massiv gelitten wie unter den Nazis." Im Wahlkampf hatte Zwirner für die FDP geworben. Sollten die Liberalen in die Regierung eintreten, erhofft er sich eine Nachbesserung des von der Großen Koalition aus Union und SPD verabschiedeten Kulturgutschutzgesetzes.
Die Hip-Hop und Electropunk-Band Deichkind aus Hamburg erinnerte auf Instagram an Paragraph drei des Grundgesetzes.
***
Wahlaufrufe des Fotokünstler Tillmanns
Noch am Wahltag hatten zahlreiche Künstler und Kulturinstitutionen zum Urnengang aufgerufen, das Kölner Museum Ludwig ebenso wie die Elbphilharmonie in Hamburg. "Mach Dein Kreuz!" twitterte das neue Konzerthaus. Der deutsche Comedian Oliver Pocher postete ein Foto, auf dem er lächelnd eine Wahlwerbung der AfD in die Mülltonne wirft. Sein Kommentar: "Ich habe mich getraut!"
Nicht nur die Skulptur Projekte Münster posteten im Vorfeld der Bundestagswahl ein Motiv des deutschen Fotokünstlers Wolfgang Tillmans mit Aufrufen zum Urnengang, sondern auch zahlreiche Museen in Deutschland, wie das Städelmuseum in Frankfurt am Main.
Schon vor Tagen hatte der Turner-Preisträger Tillmanns eine Plakatserie entworfen und zur Weiterverbreitung in den Sozialen Medien angeboten . "Mach mit bei der Wahl. Sonst entscheiden andere für Dich." Oder: "Kein Bock auf Nationalismus. Für eine gemeinsame Zukunft in Europa", war darauf zu lesen. Zu seiner Motivation erklärte der in Berlin und London lebende Fotograf, der sich zuvor schon mit einer Plakataktion gegen den Brexit engagiert hatte: "Ich kann wohl keinen AfD-Wähler umstimmen, aber ich verspüre eine Bürgerpflicht, mich zu engagieren."
***
Stefan Dege    
http://p.dw.com/p/2kbiy
Datum: 26.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
Aufrufe: 30
zagluwka
advanced
Absenden