Berlin und Köln blamieren sich in der Europa League

Sport | Verschiedenes

Tabellenletzter: Dieses Schicksal teilen sich der 1. FC Köln und Hertha BSC nach erneuten Niederlagen in der Europa League. Für den einzigen Lichtblick aus deutscher Sicht sorgt die TSG Hoffenheim.
***
Wieder keine Punkte, wieder blamable Auftritte: Die Pleitenserie deutscher Klubs in der Fußball-Europa-League hält - mit der Ausnahme der TSG Hoffenheim - weiter an. Auch am dritten Gruppenspieltag war die Bilanz ernüchternd. Sowohl der 1. FC Köln als auch Hertha BSC haben wohl frühzeitig ihre Chance auf die nächste Runde verspielt, lediglich 1899 Hoffenheim rettete mit dem ersten Sieg eines Bundesliga-Teams im laufenden Wettbewerb die Ehre der deutschen Eliteklasse. Die Kölner unterlagen bei BATE Borissow in Weißrussland 0:1 (0:0), Hertha verlor bei Sorja Luhansk in der Ukraine 1:2 (0:1). Hoffenheim feierte dagegen mit 3:1 (0:0) gegen den türkischen Vizemeister Istanbul Basaksehir seinen ersten Europacup-Sieg.
***
Kollektiver Aussetzer beim FC
Bundesliga-Schlusslicht Köln offenbarte vor dem so wichtigen Punktspiel gegen Werder Bremen am Sonntag erneut seine großen Schwächen in der Offensive und der Chancenverwertung. Ganz anders die Weißrussen: Aleksej Rios (55. Minute) nutzte gleich die erste Möglichkeit der Gastgeber zum 1:0. Der FC hatte wie zuletzt ordentlich begonnen und das Spiel gegen die insgesamt biederen Weißrussen zunächst im Griff. Nach dem Treffer durch Rios gelang den Gästen allerdings nicht mehr viel.
"Es ist bitter. Wir haben den ein oder anderen Fehler zu viel gemacht. Die Jungs haben es versucht. Wir waren aber nicht klar genug in unseren Aktionen nach vorne. Wir haben Phasen, in denen jeder etwas reparieren möchte. Da verliert man manchmal die Organisation. Es ist keine Frage dass wir enttäuscht sind", sagte Trainer Peter Stöger nach der dritten Niederlage im dritten Europa-League-Spiel.
***
Hertha ohne Chance gegen in Europa League
Nicht viel besser lief es bei Hertha BSC. Der Bundesligist musste Treffer von Silas (42.) und Alexander Swatok (79.) hinnehmen. Zwischenzeitlich hatte Davie Selke (57.) bei seinem Startelf-Debüt für die Berliner den Ausgleich erzielt. Fünf Tage nach dem 0:2 in der Liga gegen Schalke 04 blieb das Team von Trainer Pal Dardai erneut hinter den Erwartungen zurück. "Der Gegner hat verdient gewonnen", betonte der Coach. "Wenn du Letzter bist, hast du das auch verdient. Wir müssen eine Analyse machen, ob wir überhaupt reif sind, in der Europa League mitzukicken."
In Sinsheim wahrten derweil Benjamin Hübner (52.), Nadiem Amiri (59.) und Nico Schulz (75.) die Hoffenheimer Chancen auf den Einzug in die nächste Runde. Der Sieg der Gastgeber war absolut verdient, weil Hoffenheim von Beginn an den Ton angab und bereits in der ersten Hälfte zahlreiche Chancen hatte. Stefano Napoleoni gelang in der Schlussminute für die Gäste nur der Ehrentreffer. Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann war nach dem Spiel zufrieden. "Wir haben heute die Aufgabe gut gelöst. Das 1:0 war dann der Dosenöffner. Wir haben insgesamt sehr gut verteidigt. Wir sind sehr zufrieden, der Sieg war hochverdient."
***
http://p.dw.com/p/2mBZN
***
Kommentar: Nicht konkurrenzfähig

Deutschland ist Weltmeister mit hochgelobter Jugendarbeit und einer der stärksten Ligen der Welt - eine Fußballmacht? Im Klubfußball nicht mehr, meint Joscha Weber, und kritisiert das deutsche Auftreten im Europapokal.
***
Vielleicht versinnbildlicht diese Szene die deutsche Europapokal-Krise: 79. Minute in der Arena Lwiw, in der Sorja Luhansk wegen des Krieges in der Ostukraine seine Heimspiele austragen muss. Nach einer Ecke kann Alexander Karawajew an der Grundlinie ziemlich unbedrängt nach innen ziehen, die Gegenspieler von Hertha BSC stehen brav Spalier. Sie sehen zu, wie Karawajew in der Mitte Mitspieler Alexander Swatok bedienen kann. Der steht fünf Meter vor dem Tor, ebenfalls unbehelligt, und schiebt den Ball lässig per Hacke ins Tor. Swatok ist Innenverteidiger, Marktwert 700.000, also quasi nichts im internationalen Fußball. Er hat im Profifußball noch nie ein Tor erzielt. Weder in der ukrainischen Liga, noch im ukrainischen Pokal und erst recht nicht in der Europa League. Bis jetzt.
Man sollte Swatoks Tor nicht klein reden, dafür war es zu schön anzuschauen. Aber die Art und Weise, wie er dazu von Hertha BSC förmlichst und bittend eingeladen wurde, war erschreckend. Und zugleich irgendwie vertraut. Denn diese Passivität, ja Lethargie kennen die Fans der Hertha bereits aus den vorherigen Europapokal-Auftritten in dieser Saison. Hertha BSC, der Klub der deutschen Hauptstadt, steht bereits jetzt ziemlich abgeschlagen hinter dem Östersunds FK, Sorja Luhansk und Atletic Bilbao auf dem letzten Platz der Europa-League-Vorrundengruppe J. Wie kann es sein, dass ein 100 Millionen Euro schwerer Hertha-Kader sich von ukrainischen und schwedischen Underdogs so vorführen lässt?
***
Nicht reif genug für Europa
Hertha-Trainer Pal Dardai antwortet mit einer Frage: "Man muss fragen, ob wir reif genug für Europa sind." Die Antwort lautet: Nein. Und das Schlimme dabei: Hertha BSC ist damit nicht allein. Der 1. FC Köln steht noch schlechter da. Beim weißrussischen Vertreter BATE Borissow gab es die dritte Pleite im dritten Spiel. Köln steckt tief in der Krise, auch in der Liga. Aber dass man auch gegen Gegner, die - bei allem Respekt - leistungsmäßig wohl kaum in der Bundesliga mithalten könnten, baden geht, lässt tief blicken. Der schwer angezählte FC-Trainer Peter Stöger spricht davon, dass man wohl "den einen oder anderen Fehler zu viel gemacht" habe und wirkt dabei so hilflos wie sein Team kurz zuvor auf dem Rasen. Auch Köln ist derzeit nicht europareif und wird sich, sollte kein Wunder mehr geschehen, sang- und klanglos aus der ersten Europapokal-Saison der Vereinsgeschichte seit 25 Jahren verabschieden.
Die Schreckens-Bilanz deutscher Teams im Europapokal lässt sich leider weiter fortsetzen: Der SC Freiburg scheiterte bereits in der Qualifikation am slowenischen Außenseiter NK Domzale, die TSG Hoffenheim schaffte es nicht in die Champions League und steht in der Europa League auf dem vorletzten Platz in Gruppe C. Borussia Dortmund geht es in der Champions League nach drei miserablen Auftritten noch schlechter: Sieglos steht der Champions-League-Finalist von 2013 auf dem letzten Platz. Einzig RB Leipzig und der FC Bayern München überzeugten bisher zumindest teilweise.
***
Der Bundestrainer ist alarmiert - zu Recht
Im Land des Fußball-Weltmeisters, das fast sieben Millionen organisierte Fußballer zählt, herrscht eine Sinnkrise. Die so hochgelobte Bundesliga, die es mit Premier League und Primera División aufnehmen will, bringt derzeit - positiv formuliert - ihre PS nicht auf die Straße. Kritischer formuliert: Hinter den in den letzten Jahren dominanten Bayern gibt es derzeit kein Team von europäischem Format. Dass es nicht mal gegen Fußballzwerge wie NK Domzale, PFC Ludogorets 1945 oder Bate Borissow reicht, zeigt, wie ernst die Lage ist.
"Das ist schon auch alarmierend", befand kürzlich Bundestrainer Joachim Löw und er hat Recht. In der Uefa-Rangliste für die aktuelle Saison lag Deutschland nach der ersten Pleitenserie im Europapokal auf Rang 27 - hinter Kasachstan, Weißrussland und Mazedonien. Derweil verkauft sich die Bundesliga auf der Suche nach neuen Absatzmärkten im Ausland ziemlich laut als "deutsche Erfolgstory". Anspruch und Wirklichkeit des deutschen Klubfußballs passen derzeit nicht zusammen.
***
Joscha Weber
http://p.dw.com/p/2mCuC
Datum: 21.10.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
Aufrufe: 4
zagluwka
advanced
Absenden