Beethovenfest begeistert mit modernem Tanz

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Wie tanzt man eine Fuge?

Drei namhafte Choreografinnen des zeitgenössischen Tanzes haben sich Beethovens Große Fuge vorgenommen. Wie das geht? Das Ballett der Oper Lyon wagt beim Beethovenfest ein faszinierendes Experiment.
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Kann man an einem Abend dreimal das gleiche Musikstück hintereinander anhören, ohne dass es langweilig wird? Noch dazu ein Werk, von dem  Zeitgenossen behaupteten, Ludwig van Beethoven habe es in geistiger Verwirrung geschrieben? Ja, man kann, wenn drei Choreografinnen diese Musik in ganz unterschiedlichen Tanzstilen auf die Bühne bringen. "Man hört die Musik völlig anders, wenn man jedes Mal eine andere Choreografie dazu sieht", findet Projektleiter Thomas Scheider, der das Ballett der Oper Lyon nach Bonn eingeladen hat.
Im Rahmen desBeethovenfestes haben die Tänzer der Kompanie dreimal in Folge Beethovens Große Fuge Opus 133 "vertanzt", wie es im Fachjargon heißt. Mal tanzen Männer und Frauen in bekannten Ballettschritten über die Bühne, dann wieder müssen sie rennen, sich auf den Boden werfen und in kühnen Sprüngen den Raum erobern. Zuletzt werfen vier Frauen in roten Kleidern ihre zuckenden Körper in faszinierender Extase hin und her und ziehen die Zuschauer in ihren Bann.
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Zeitgenössischer Tanz zu Beethoven
Die Choreografin Lucinda Childs arbeitet mit Figuren aus dem neoklassischen Ballett, Anna Teresa de Keersmaekers Fassung wirkt extrovertiert und gleichzeitig beherrscht, während bei der Französin Maguey Marin die Tänzerinnen ihren Bewegungen scheinbar freien Lauf lassen.
Beethoven selbst hat seiner "Großen Fuge" den Zusatz "bald frei, bald gebunden" beigefügt, denn an die strenge musikalische Form der barocken Fuge hat er sich bei der Komposition nicht gehalten. Genau diese Möglichkeit der freien Interpretation reizt viele Choreografen. "Beethoven ist ja eigentlich ein Komponist, der relativ strenge Vorgaben macht, und bei der Fuge ist das aufgelöst", meint Scheider. "Die Fuge lässt deshalb viel Spielraum für choreografisches Arbeiten." Das Lyoner Opernballett unter Yorgos Loukos hat sich auf zeitgenössischen Tanz spezialisiert und den Tanzabend mit den drei Fassungen der Großen Fuge ausgearbeitet. In Bonn waren die drei Choreografien in deutscher Erstaufführung zu sehen.
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Ein verschrobenes Streichquartett kommt zu Ruhm
Die Große Fuge gehörte ursprünglich als letzter Satz zu Beethovens Streichquartett Opus 130 von 1825/26. Als Beethoven das Werk komponierte, war er bereits taub. Musiker und auch das Publikum fanden das Stück damals zu anspruchsvoll und zu neuartig mit all den Dissonanzen und den sprunghaften Klängen. Beethoven wurde deshalb gebeten, doch ein leichter zugängliches Finale zu schreiben.
Sein Verleger Mathias Artaria brachte die Große Fuge daraufhin als eigenes Stück auf den Markt. Während Beethovens Sekretär und späterer Biograf Anton Schindler die Fuge als die "höchste Verirrung des speculativen Verstandes" bezeichnete, war der Verleger von der Musik durchaus angetan. Der Geiger Karl Holz schrieb damals an Beethoven über die Proben: "Gestern wurde das Quartett bey Artaria probirt; [...] wir haben es zweimal gespielt; Artaria war ganz entzückt, und die Fuge fand er, als er sie zum dritten Mal hörte, schon ganz verständlich".
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Begeisterung beim Publikum
Dreimal hören, um zu verstehen. Beim Bonner Beethovenfest waren die Zuschauer begeistert. Die verschiedenen Choreografien ließen das Stück tatsächlich dreimal anders klingen - und immer besser verstehen. Fröhlich beschwingt wirkte die Streichermusik bei der Choreografie der Amerikanerin Lucinda Childs. Die Tänzer schwebten in grauen Ganzkörpertrikots paarweise elegant über die Bühne. Selbst die dramatischen Stellen bekamen auf diese Weise etwas Leichtes. Dabei folgten die Tänzer und Tänzerinnen mit ihren Arabesken und Hebefiguren ganz der Musik.
Lucinda Childs gilt als Vorreiterin des postmodernen Tanzes. Ihre Bewegungssprache ist wegweisend. Schon in den 60er Jahren experimentierte sie mit Tanztechniken des "Modern Dance" und mit Alltagsbewegungen, bei denen sie auch Objekte und Texte einbezog. Dass sie in ihrem Auftragswerk für die Lyoner Oper die Fuge eher neoklassisch aufbereitet hat, spricht für ihre große Bandbreite.
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Die Große Fuge ganz modern
Die Belgische Choreografin und Tänzerin Anne Teresa de Keersmaeker hat sich schon seit 1992 mit Beethovens Fuge auseinandergesetzt und die Choreografie immer wieder variiert. Sie arbeitet intensiv mit der jeweiligen Musik und hat öfter die Minimalmusik von Steve Reich choreografiert. "Seit wir mit Nike Wagner hier in Bonn sind, wollten wir schon die Arbeit von Anne Teresa Keersmaeker hierher holen, aber sie selbst hat sie leider nicht mehr im Repertoire ihrer eigenen Kompanie", sagt Thomas Scheider und ist froh, dass die Tänzer aus Lyon ihre Choreografie aufgegriffen haben.
Bei Keersmaekers Großer Fuge tanzen sechs Männer und zwei Frauen in schwarzen Anzügen, rennen und hüpfen im Tempo der Musik über die Bühne und werfen nach und nach ihre Jackets ab. Dabei wirken sie sportlich beschwingt, doch nie ganz entspannt. Wer von den Tänzern am Bühnenrand kurz pausiert, verharrt in Erwartungshaltung, bereit für die nächste Aktion. "Einige rollen auf dem Boden während andere aufrecht durch den Raum gleiten. Es ist stilbildend für Keersmaeker, auch die sogenannte Mittellage, also nicht nur die Vertikalität, zu nutzen", erläutert die ehemalige Tanzprofessorin Claudia Jeschke, die die Stücke analysiert hat. "Das waren ganz neue Bewegungsformen für den Tanz." Auf der Bühne ist so viel los, dass das Streichquartett, das noch dazu ganz hinten auf der Bühne platziert ist, eher in den Hintergrund tritt. Die tänzerische Leistung der Lyoner Kompanie wurde vom Publikum mit Bravorufen belohnt.
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Das Auge hört mit
Die letzte Interpretation von der Französin Maguey Marin erinnert an Pina Bauschs Tanztheater. Nur noch vier Frauen in Rot gekleidet bewegen sich zur Musik. Sie sind die meiste Zeit in sich gekehrt. Jede wiederholt für sich immer wieder gleiche Gesten. Die Frauen wirken innerlich zerrissen und zeitweise orientierungslos suchend. "Die Gesten bedeuten nichts Spezifisches. Trotzdem nimmt man etwas wahr, was es spannend macht, den Tänzerinnen auf der Bühne zuzusehen", sagt Claudia Jeschke.
Die Frauen schleudern ihren Oberkörper hin und her oder schlagen die Arme vor den Kopf. Erst am Ende kommen sie in gemeinsamen Bewegungen zusammen, folgen der Dramatik der Musik und liegen dann erschöpft am Boden. "Die permanente Verdichtung und Entzerrung von tänzerischer Bewegung in den weiblichen Körpern selbst und im Raum produzieren die für Marin typische sagenhafte dramatische Dynamik." Claudia Jeschke ist davon fasziniert und auch das Publikum applaudiert frenetisch.
Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass sich Tanz nicht nur durch die Tanztechnik vermittelt, wie Claudia Jeschke erläutert, sondern alle Sinne angesprochen werden: Das Auge, die (Gänse-) Haut und nicht zuletzt das Ohr, das tatsächlich drei verschiedene Fugen wahrgenommen hat und doch einige der Melodiesequenzen von Beethovens Musik als Ohrwurm mit nach Hause nimmt.
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Gaby Reucher    
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Datum: 29.09.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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