Auf der Leipziger Buchmesse: Sorge um Europa und Rumänien

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Mircea Cărtărescu ist ein bedeutender Erneuerer der rumänischen Gegenwartsliteratur. Mit der DW sprach er über die Auferstehung des Nationalismus in Europa und seine Furcht vor der politischen Entwicklung in Rumänien.
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Deutsche Welle: - Mircea Cărtărescu, in diesem Jahr, in dem sich Rumänien als Gastland in Leipzig vorstellt, sind Sie wieder dabei, allerdings nicht mit einer Neuerscheinung, sondern als aktiver Vertreter der Zivilgesellschaft. Zusammen mit dem deutschen Publizisten und Orientalisten Navid Kermani werden Sie auf einem mit Spannung erwarteten Podium über Europa diskutieren. In welchem Zustand ist Europa heute?
Mircea Cărtărescu: - Lassen Sie mich zuerst festhalten, dass ich mich nicht als irgend jemand Besonderes empfinde. Ich trete als der auf, der ich bin: Mircea Cărtărescu. Ich vertrete niemand und ich glaube nicht, dass ich etwas symbolisiere. Ich präsentiere mich höchstens durch meine Schriften und fühle mich frei, das zum Ausdruck zu bringen, was ich über die Welt glaube und darüber, was bei uns und überall auf der Welt geschieht.
Ich war sehr erfreut, als ich erfuhr, dass Navid Kermani, den ich besonders schätze, den ich für all das bewundere, was er in Deutschland tut, meine Einladung angenommen hat, auf dem Forum Ost-Südost hier auf der Leipziger Buchmesse am Samstag zu diskutieren. Es wird eine freie, eine kolloquiale Diskussion sein, ohne besondere Vorbereitung. Es wird eine freundschaftliche Diskussion sein über ein Thema, das mir sehr weh tut und ihm wahrscheinlich auch: der aktuelle Zustand dieses Kontinents, der für uns eine zweite Heimat ist. Ganz gleich, aus welchem Land wir stammen - ich glaube, dass wir uns dieser doppelten Staatsbürgerschaft bewusst sein müssen. Die Rechtfertigung unserer nationalen Staatsbürgerschaft ist nur durch die Rechtfertigung unserer europäischen Staatsbürgerschaft gegeben.
Europa geht es nicht gut! Der Zustand Europas - wie übrigens der Zustand der ganzen Welt - ist im gegenwärtigen geopolitischen Kontext wahrscheinlich der schlechteste seit dem Zweiten Weltkrieg. Oder zumindest seit dem Fall der Berliner Mauer. Es sind äußerst schwierige Zeiten und ich bin, wie viele andere, sehr besorgt.
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Was besorgt Sie am meisten?
- In den wenigen Jahren seit der Grexit-Debatte ist Europa aus einer Katastrophe in die andere geschlittert und wird jetzt wieder zweigeteilt. Die Mauer oder viel mehr die Spaltung, die Europa zerrissen hat, wird wieder sichtbar. Es gibt wieder die Länder des Ostens und die Länder des Westens, wir haben wieder ein Auferstehung des Nationalismus im Osten, zuerst in den sogenannten Visegrad-Staaten und dann auch bei uns. Es ist ein Laster der Demokratie…
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… ein Laster der Demokratie, dass sich auch in einem Land wie Deutschland bemerkbar macht. Nehmen wir doch diese Leipziger Buchmesse zum Anlass und schauen kurz auf die aktuelle Debatte über rechtsgerichtete Verlage. Was halten Sie davon? 
- Mir war diese Diskussion bisher nicht bewusst, ich kannte diese Verlage nicht. Aber ich kenne einen vergleichbaren Fall aus Schweden, von der Buchmesse in Göteborg. Viele Schriftsteller haben gegen die Präsenz solcher Verlage protestiert, einige haben sogar ihre Teilnahme abgesagt. Es ist ein äußerst schwieriges Problem. Ich erinnere an einen älteren Ausspruch eines Politikers im Gespräch mit einem Rechtsextremisten: "Ich werde mein Leben für dein Recht einsetzen, deine Meinung zu äußern!" Die Demokratie akzeptiert jede Stimme. Dies gehört zur wahren Demokratie, ist aber gleichermaßen auch eine ihrer Schwächen, derer wir uns bewusste sein müssen, wenn wir Demokraten sind.
Ich habe keine klare Antwort auf diese Frage. Aber ich glaube, dass auch die Toleranz gewisse Grenzen hat. Es darf keine selbstmörderische Toleranz geben. Wenn extreme Erscheinungen, ganz gleich ob von rechts oder von links, das freie Denken gefährden, muss darüber nachgedacht werden und manchmal müssen auch Maßnahmen ergriffen werden. Aus dieser Schwäche der Demokratie erwächst auch ihre Stärke. Das Recht und die Stärke, jegliche Meinung zuzulassen. Ich habe dafür keine Lösung und bin zum Glück auch nicht berufen, darüber zu entscheiden.
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Kommen wir zur Situation in Rumänien. Eine Reihe führender Intellektueller - Sie gehören auch dazu - unterstützen die Proteste der Zivilgesellschaft gegen die flächendeckende Korruption und für die Festigung des Rechtsstaats. Der Publizist Ion Vianu, der in der Schweiz lebt, sprach vor wenigen Tagen davon, dass Rumänien in den letzten 28 Jahren noch nie so nah an einer Diktatur war - eine Anspielung auf das wiederholte Vorhaben der sozialdemokratischen Regierung, die Unabhängigkeit der Justiz auszuhöhlen und die Meinungsfreiheit zu beschränken. Sehen Sie auch diese Gefahr?
- Ich weiß nicht, ob wir so ein hartes Wort wie "Diktatur" gebrauchen können. Aber ich weiß folgendes: eine Regierung, die das freie Denken durch ein Gesetz bestrafen will, ein Gesetz gegen die "Diffamierung" des Landes, ist nicht mehr weit davon entfernt. Ich hoffe sehr, dass das Parlament, dass die Führung Rumäniens diesen riesigen Fehler nicht machen wird, das Recht der Menschen auf freie Meinung zu beschneiden, auch wenn die politischen Äußerungen gegen die Regierenden selbst gerichtet sind.
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Sollten wir jetzt befürchten, wenn ich Sie bei Ihrer Rückkehr nach Bukarest begleiten würde, dass wir wegen "Diffamierung" Rumäniens festgenommen werden, nur weil wir die Regierung kritisiert haben?
- Ehrlich gesagt, ich fürchte mich. Und das nicht erst jetzt, sondern schon seit fünf bis sechs Jahren. Seit 2012 ist der Druck der politischen Machthaber auf die liberalen Werte, auf die Werte, durch die sich ein europäischer Rumäne definiert, stetig gewachsen. Dieser Druck auf die Justizgesetze, auf das freie Denken, ist äußerst besorgniserregend.
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Kommen wir zurück zur Literatur. Wie wichtig ist für das Gastland Rumänien und vor allem für seine Schriftsteller dieses rege Interesse hier in Leipzig? Glauben Sie, dass die Neugier auf Literatur aus Rumänien auch über die Buchmesse hinaus fortdauern wird?
- Ich glaube, dass es diese Literatur in erster Linie geben muss. Das, was jeder Schriftsteller an seinem Schreibtisch tut, ist das Wichtigste überhaupt. Nicht die nationale oder universelle Anerkennung. Nach Abschluss des Schreibprozesses beginnt erst das wahre Leben des Buches, das der Autor aus seiner Hand gibt. Kafka sagte, das Leben eines Buches beginne erst nach dem Tod seines Autors. Deshalb ist es so wichtig, dass Institutionen sich der Bücher annehmen. Unsere nationalen, in erster Linie, und dann die so großzügigen internationalen Institutionen. Aus dieser Perspektive ist Leipzig eine Chance. Das war vor 20 Jahren so (als Rumänien zum ersten Mal Gastland der Leipziger Buchmesse war – Anm. d. Red.), es wurde mehr Literatur aus Rumänien übersetzt als vorher. Ich hoffe, dass sich diese Tendenz fortsetzt.
Deutschland ist ein Ort, den ich für seine Kultur bewundere. Es ist der Ort, an dem meine und die Bücher anderer rumänischer Autoren am besten, am schönsten aufgenommen wurden. Es ist der Ort, in dem ein Schriftsteller vom Schreiben leben kann, und das ist großartig!
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Im November werden Sie in Lübeck mit dem Thomas-Mann-Preis geehrt. Deutsche Literaturkritiker sehen diesen Preis als Vorstufe zu einem weiteren möglichen Preis in Stockholm. Was sagen Sie dazu?
- Dazu sage ich gar nichts. Jeder Mensch darf seine Meinung frei äußern. Ich bin aber unendlich dankbar für den Preis, den ich erhalten werde, und denke nicht weiter. Ich glaube, dass der Thomas-Mann-Preis genauso wichtig ist wie der Preis aus Stockholm, den Sie angesprochen haben, und wie andere Preise, die ich erhalten habe. Von den kleinsten bis zu den größten. Ich bin extrem dankbar für alle Preise, die mir verliehen wurden, solange sie mir von Herzen zugesprochen wurden.
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Das Gespräch führte Robert C. Schwartz
http://p.dw.com/p/2uR7D
Datum: 19.03.2018
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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