Am 9. Kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin

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Kulturpolitik in der globalisierten Welt

"Der Westen verschwindet", postuliert der indische Schriftsteller Pankaj Mishra am 9. Kulturpolitischen Bundeskongress. Eine von vielen Herausforderungen, die Kultur-Macher in Berlin diskutierten.
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"Welt. Kultur. Politik" war das Motto des 9. Kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin, der von der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung vom 15.-16. Juli veranstaltet wird. Bei dem den diesjährigen Event standen die Folgen der Globalisierung für Kultur und Kulturpolitik im Mittelpunkt. Die Veranstaltung versteht sich als Plattform für Interessierte aus Kulturpolitik und Verwaltung sowie Kulturmanagern und will anregen: zum Austausch fremder Kulturen in einer Gesellschaft, die kulturell immer heterogener wird.
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Der "Westen": ein veraltetes Konzept?
"Der Westen existiert nicht mehr", erklärte der indische Schriftsteller Pankaj Mishra im Hinblick auf das "verrückte Abenteuer Brexit" und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. In seinem Redebeitrag zum Auftakt des Kongresses ging es um  "Neue Kulturelle Weltsichten".  Der "Westen", so der in London ansässige Autor, sei ein Konzept, dass sich im Laufe der Zeit sowieso gewandelt habe, und nun im Begriff sei, "zunehmend an Bedeutung zu verlieren."
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Historiker und Publizist Pankaj Mishra
Deutschland, so erinnerte Mishra, habe im späten 19. Jahrhundert schon eine eigene Vision gehabt. Der "Westen" sei darin ein Gebilde gewesen, das Frankreich, Großbritannien und die USA umfasste. Dieses Weltbild spiegelt sich auch bei Thomas Mann, dem Schriftsteller, der in den 1930er Jahren zu einem großen Kritiker der Nazis wurde: In seinem 1918 erschienenen Buch "Betrachtungen eines Unpolitischen" befand er, dass der englischen Liberalismus und die französische Aufklärung mit den Werten Deutschlands nicht kompatibel waren.
Die industrielle Revolution habe Deutschland später erreicht als Großbritannien, meinte Mishra. Moderne Geschichte wurde vor allem von Ländern gestaltet, die früh industrialisiert waren, erklärte er, und fügte hinzu, es sei hilfreich, den Prozess aus dem Blickwinkel der Länder zu betrachten, die erst spät dazu kamen – sozusagen die "Verlierer" der Geschichte. Die historischen Aspekte, die sich hinter der gegenwärtigen internationalen Krise verbergen, beleuchtet Mishra in seinem neusten Buch, "The Age of Anger".
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Neo-liberale Fantasien aufgeben
Das Prinzip des anglo-amerikanischen Liberalismus prägt bis heute wirtschafts- und kulturpolitischen Entscheidungen und wurde durch den Fall der Mauer noch gestärkt, so Mishra. Das Credo: lasst freie Märkte sich weltweit entfalten, setzt unternehmerische Energien frei - das entsprechende Wirtschaftswachstum wird automatisch dazu führen, dass die Bevölkerung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlangt.
Mishra vergleicht diesen Ansatz mit der marxistischen Theorie, die postuliert, dass die Arbeiterklasse eines Tages so desillusioniert sein werde, dass sie das Bürgertum stürzen wolle.
"Wir müssen diese Ideen und Annahmen, die wir dem Rest der Welt aufdrängen, hinter uns lassen", fordert der Essayist beim kulturpolitischen Bundeskongress. Diese Ansichten seien so tief verankert, dass es schwer werde, sie zu lösen, fügte er hinzu. "Selbst in Zeiten, in denen ein Verrückter im Weißen Haus regiert."
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Verwobene Geschichte statt Gewinner und Verlierer
Léontine Meijer-van Mensch, Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, warnte davor, eine Geschichte von Gewinnern und Verlierern zu schreiben und damit die Gräben zu vertiefen. "Solche Kategorien sind nicht eindeutig", so Meijer van Mensch. Besser sei es, von "verwobener Geschichte" zu sprechen.
Sie versuche zum Beispiel, vereinheitlichende Definitionen von Juden zu umgehen, die in Deutschland oft in der "Opfer"-Schublade landen. Es gehe um die Pluralität der jüdischen Gemeinde, darum, dass ein "Orthodoxer Rabbi und eine lesbische Jüdische Aktivistin" durchaus Gesprächsthemen haben können.
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Fokus auf gemeinsamen Erlebnissen
Neue Perspektiven für Museen erschließen möchte auch Lavinia Frey, Geschäftsführerin der Humboldt Forum Kultur GmbH. Der abgenutze Begriff des "Dialogs" sei dafür jedoch wenig hilfreich, sind sich Mishra, Meijer van Mensch und Frey einig: Oft ginge er mit einer herablassender Haltung einher, mit der die eine Seite versuche, der anderen ihre Meinung aufzudrücken.
Sie versuche vielmehr, grenzüberschreitende "gemeinsame Erlebnisse" herzustellen, sagte Frey und verwies auf die Ausstellung "Watch Out, Children" im Humboldt Box Ausstellungsgebäude, die am 7. Juli eröffnet. Die Schau soll zeigen, wie Eltern auf der ganzen Welt immer schon versucht haben, ihre Kinder zu beschützen.
Das Jüdische Museum zeigt aktuell die Ausstellung "Cherchez la femme" mit Schlagzeilen und Bademode, Kopftüchern und Demonstrationen, Modenschauen und Papstaudienzen. Sie fragt: Wie viel Religiosität vertragen säkulare Gesellschaften?
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Kulturinstitutionen im Rampenlicht
Im deutschen Kulturaustausch bleibt allerdings der Dialog als zentrales Element erhalten, oft wiederholt von Goethe-Institut Generalsekretär Johannes Ebert. Um "Neue Herausforderungen" für Kulturvermittler ging es in einem Podiumsgespräch am Freitag mit Ebert, Ronald Grätz (Generalsekretär des ifa Instituts für Auslandsbeziehungen), Susanne Spröer (Leiterin von Kultur Online der Deutschen Welle) und Nana Adusei Poku (Professorin für visuelle Kulturen am Piet Zwart Institute der Willem de Kooning Akademie).
In Deutschland habe es kürzlich einen Paradigmenwechsel gegeben, meinte Grätz: Bei kulturellen Initiativen spiele nicht mehr der Staat die Hauptrolle, sondern die Zivilgesellschaft. Es sei zwar komplexer und aufwändiger, aber sein Institut arbeite nun mehr "mit Kooperationen und Koproduktionen", erklärt der Generalsekretär.
Manchmal ließen sich Krisen voraussagen, aber meistens kämen sie für Kulturschaffende doch überraschend, wie etwa die Wahl Trumps oder der Brexit, so Grätz. Damit müssten Kulturinstitute dann klar kommen.
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Fehlende Vielfalt
Trumps Wahl sei ein "aufrüttelnder" Moment gewesen, so Adusei Poku, aber die Professorin sieht das eigentliche Problem bei den Instituten, die "viele Jahre ihre Arbeit nicht gemacht" hätten. Scharf kritisierte sie deutsche Kulturinstitute für ihren Umgang mit der Geschlechtervielfalt: "Wer ist in den Institutionen repräsentiert? Die Pluralität wird ständig marginalisiert."
Berechtigte Kritik, da waren sich die Podiumsgäste einig, betonten aber auch, es werde daran gearbeitet, die Situation zu verbessern. "Pluralität wird nie gut genug repräsentiert sein", so Grätz, und räumte ein, eine totale Neufindung sei schwierig für internationale Institutionen. "Bis Ende des Jahres schaffen wir es nicht."
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Elizabeth Grenier
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Datum: 18.06.2017
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