6.Oktober - Der Welttag des Lächelns

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Warum lächeln Deutsche so selten?

Amerikaner finden alles "amazing", Deutsche lassen sich nur selten ein Lächeln entlocken. Soweit die Vorurteile. Warum da was dran ist, weiß die Amerikanerin Courtney Tenz, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt.
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Positive Psychologie ist der letzte Schrei. Sie besagt, dass die Gedanken die Realität eines Menschen bestimmen. Vereinfacht gesagt: Wer sein Leben furchtbar findet, wird ein furchtbares Leben haben. Wer glücklich sein will, sollte sich also eher an den Satz "Mein Leben ist toll" halten, und wird so alles Schöne um ihn herum zu schätzen wissen, wie von Zauberhand. Soweit die Theorie.
Es ist eine nette Theorie, Hunderte von Experten haben sich mit ihr beschäftigt, aber ich bin und bleibe skeptisch. Zu denken, dass mein Leben toll ist - und mir geht es wirklich gut - während der Rest der Welt so ist, wie er eben ist, finde ich etwas naiv.
Nach mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland, würde ich sagen, dass ich gut integriert bin: Ich habe tatsächlich ein bisschen von meiner Begeisterungsfähigkeit verloren, also der Fähigkeit, alles und jeden wahnsinnig toll zu finden. Dieses Phänomen beschreibt auch der in Deutschland lebende US-amerikanische Komiker John Doyle in seinem Buch "Don't Worry, Be German".
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Amerikaner lieben Superlative
Anders als Deutsche begeistern sich Amerikaner für so ziemlich alles. "Das ist die beste Pizza, die ich je gegessen habe", schwärmen sie, während ein Deutscher wahrscheinlich sagen würde: "Die Pizza war gar nicht so schlecht."
Neulich besichtigte Ivanka Trump ein duales Ausbildungsprogramm bei Siemens - und fand jede Kleinigkeit "amazing", was wiederum ein Reporter der "Süddeutschen Zeitung" erstaunlich fand. Als Amerikanerin kann ich dazu nur sagen, für eine Frau unter 40 ist "amazing" das neutralste Kompliment, das es gibt. Das Lieblings-Adjektiv der New Yorker sozusagen.
Die Fähigkeit sich für alles und nichts zu begeistern, drückt sich nicht nur in Worten aus, sondern auch in Gesten. Meine Lektorentätigkeit an der Uni hat mir das schmerzhaft vor Augen geführt. In Amerika lächelten und nickten meine Studenten, ich konnte also sofort sehen, wann sie unaufmerksam waren. In Deutschland starrten mich die Studenten während meiner einstündigen Vorlesung starr an, Woche für Woche.
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In Deutschland kann Lächeln auch negativ aufgefasst werden
Einmal hielt ich inne und fragte, ob sie mir folgen könnten. Einer der Studenten beteuerte, das fehlende Lächeln sei ein Zeichen von Respekt. Lächeln könne in Deutschland auch als Affront aufgefasst werden und meine Autorität als Dozentin infrage stellen.
Ein Lächeln wäre sicher deplatziert gewesen, wenn ich seinerzeit über ein ernstes Thema gesprochen hätte. Aber ich unterrichtete nordamerikanische Kultur - ein spannendes Thema, bei dem man aus meiner Sicht durchaus auch mal hätte lächeln können. Diesem scheinbar unempfänglichen Publikum Geschichten aus meiner Heimat zu erzählen, war so aber einfach nur merkwürdig.
Ich sehnte mich nach positivem Feedback. Studien beweisen, dass das Lächeln - im Gegensatz zu anderen Gesten - die stärksten Emotionen auslöst. Das hat der amerikanische Hirnforscher Andrew Newberg herausgefunden. Ich wollte, dass meine Studenten mich endlich anlächelten, um mir damit zu zeigen, dass sie etwas mit meinem Vortrag anfangen konnten. Stattdessen zeigten sie mir durch intensives Zuhören, wie ernst sie meine Geschichten nahmen.
Genauso war es auf Konzerten: Das Publikum stand stocksteif da, während Tänzer und Gitarristen über die Bühne wirbelten und der dunkle Raum von Pyrotechnik hell erleuchtet wurde. Deutsche können sehr gut respektvoll zuhören, selbst inmitten ohrenbetäubender Musik. Fremde Menschen anzulächeln, liegt ihnen nicht so sehr.
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"Keiner lächelt hier"
Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass das Lächeln sparsam verteilt wird. Es wird reserviert für bestimmte Gelegenheiten und Menschen und ist nicht für Fremde gedacht. Es steht wirklich für Begeisterung und wird nicht leichtfertig angeknipst.
Das erlebe nicht nur ich so. Beim allerersten Besuch meiner Eltern in Deutschland fragten sie mich unabhängig voneinander, ob die Deutschen ein unglückliches Volk seien. "Keiner lächelt hier", wunderten sie sich.  
Ich erinnerte sie daran, dass wir nicht in Kansas seien und erklärte ihnen, dass die Menschen in Großstädten wie Köln oder Chicago eben nicht jeden x-beliebigen Fremden angrinsen würden. Dabei wurde mir klar, wie das auf Leute wirken musste, die es gewohnt waren, überall mit einem Grinsen empfangen zu werden. Wenn Kellner im Restaurant nicht aussehen, als ob sie sich über deinen Besuch freuen, fühlst du dich dann willkommen?
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Lächeln ist gesund
Es ist wirklich schade, dass die Menschen in Deutschland es nicht gewohnt sind zu lächeln. Denn ein Lächeln ist ansteckend. Das sieht man an Babys: Lächelt man sie an, lächeln sie zurück.
Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder im Durchschnitt 400 Mal am Tag lächeln, Erwachsene dagegen nur noch 20 Mal. Eine andere Studie stellte fest, Männer würden nur achtmal am Tag lächeln, Frauen dagegen 62 Mal. Zwischen unterschiedlichen Kulturen wurde da allerdings nicht unterschieden. Was die Auswertung schwierig macht, denn überall auf der Welt wird ein Lächeln unterschiedlich interpretiert.
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Ein unwiderstehliches Lächeln
Bei jüngsten USA-Besuch von Angela Merkel versuchten Amerikaner via Twitter den ernsten Gesichtsausdruck der deutschen Bundeskanzlerin zu interpretieren. Sie vermuteten, dass sie wohl unzufrieden sei. Ich lebe jetzt lange genug in Deutschland, um sagen zu können: Angela Merkel hat genau zugehört. Wenn sie denn mal lächelt, denke ich, zeigt sie echte Begeisterung. Von Amerikanern kann ich das nicht sagen.
Seitdem ich in Deutschland lebe, frage ich mich manchmal, ob Amerikaner wirklich so begeistert sind, mich zu sehen, und ob ihr Lächeln eine Einladung zum Plaudern ist. Ich lächele selber nicht mehr so viel wie früher, weder bei Fremden noch bei Bekannten. Ich möchte nicht von Wildfremden auf der Straße angesprochen werden, nur weil ich glücklich aussehe. Ich möchte auch nicht als  herablassend oder blasiert wahrgenommen werden, denn auch so kann ein Lächeln aufgefasst werden.
Wenn ich an die Positive Psychologie glauben würde, wäre mir klar, dass es mir nicht gut täte, weniger zu lächeln. Ron Gutman schreibt in seinem Buch "Smile: The Astonishing Powers of a Simple Act" , bei einem Lächeln werde so viel Dopamin freigesetzt, wie nach dem Verzehr von 20.000 Schokoriegeln. Wenn ich also rundum glücklich werden will, sollte ich mit Schokolade handeln und wieder mehr lächeln.
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Courtney Tenz (db)
http://p.dw.com/p/2lGzc
Datum: 08.10.2017
Hinzugefügt:   venjamin.tolstonog
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