51. Hofer Filmtage: Neustart in 360 Grad

Kino | Präsentationen

Seit über einem halben Jahrhundert gibt es das Festival im oberfränkischen Hof, das Heinz Badewitz einst gegründet hat. 2016 starb Badewitz überraschend. Der neue Mann heißt Thorsten Schaumann und hat einiges vor.
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Tradition bewahren und doch auch einen Blick in die Zukunft des Kinos riskieren. Das Festival in Hof zählt für viele Branchenkenner zu den wichtigsten in Deutschland, ganz sicher aber ist es das mit dem größten Kultfaktor. Hier haben einige später berühmt gewordene Regisseure wie Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog ihre Karrieren gestartet. Daran will die 51. Ausgabe der "Hofer Filmtage" (24.10.-29.10.) anknüpfen.
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Hof heißt auch: Home of Films
Gerade weil der 40.000-Seelen-Ort an der Grenze zu Tschechien so klein und heimelig ist, hockte man in Hof immer dicht beieinander, das Publikum und die Regisseure, die Festivalmacher und die Cineasten aus aller Welt. Das schuf und schafft Atmosphäre. Wim Wenders prägte den Begriff "Home of Films", die drei Buchstaben des Stadtnamens haben sich eingebrannt in das Gedächtnis des deutschen Kinos.
Hof ohne Heinz Badewitz, das war lange kaum denkbar, aber natürlich musste es weitergehen in Hof, und so steht diesmal mit Thorsten Schaumann ein Neuer an der Spitze des Festivals. Schaumann, der auf verschiedene Stationen im Filmbusiness zurückblicken kann und über exzellente Kontakte in der Szene verfügt, will das Festival weiter öffnen. Die Digitalisierung der Filmwelt will er begleiten, verriet er schon einmal in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung": "Der Zuschauer hat neue Möglichkeiten, die Filmemacher auch, und die Produzenten müssen sich genauso völlig neuen Herausforderungen stellen." Man habe heutzutage 360-Grad-Kameras, da gelte es auch, "360 Grad zu denken."
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Die Zukunft des Kinos
Als Neuerung hat Schaumann das Format "HoF PLUS" eingeführt, ein Forum, das Diskussionsmöglichkeiten über die Zukunft des Kinos eröffnen soll. Warum kommen selbst auf Festivals umjubelte Filme manchmal nicht mehr in die Kinos? Und: Wie kann sich das Kino wappnen für eine Zukunft, in der Streaming-Anbieter immer stärker werden? Das sind nur zwei wichtige Fragen, die in den kommenden Tagen bei der 51. Ausgabe des Festivals diskutiert werden sollen. "Das ist HoF: Wir machen die Augen auf, schauen in die Zukunft und suchen nach Lösungen", sagt Schaumann.
Natürlich wird in den Diskussionen auch das Thema Nr.1 der Filmwelt in diesen Tagen vorkommen: Harvey Weinstein und sexuelle Belästigung in der Filmbranche. Passend dazu werden, wenn auch zufällig gewählt fürs diesjährige Programm, Filme gezeigt, die sich mit den Themen Selbstbestimmung beschäftigen und starke Frauenpersönlichkeiten in den Mittelpunkt stellen.
Im Zentrum werden aber natürlich die Filme selbst stehen, Weltpremieren des jungen deutschen Kinos und deutsche Premieren von Werken, die auf anderen Festivals bereits für Furore sorgten. Eröffnet wurde Hof mit dem bereits in Locarno und Toronto umjubelten deutschen Film "Drei Zinnen" von Jan Zabeil. Er erzählt eine Familiengeschichte, die harmlos beginnt und sich zu einem dramatischen Finale steigert. Ein junger Mann lädt seine Freundin und deren achtjährigen Sohn zu einem mehrtägigen Ausflug in die Alpen ein. Im Verlauf der Wanderung durch die Berge kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen.
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Die Retrospektive ist diesmal Tony Gatlif gewidmet
Rund 140 Filme werden in den kommenden Tagen in Hof gezeigt, u.a. feiert der Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig, "The Shape of Water" des Mexikaners Guillermo del Toro, Deutschland-Premiere. Ebenso erstmals hierzulande zu sehen sein wird der neue Film des in Frankreich lebenden und in Algerien geborenen Tony Gatlif, "Djam". Gatlif, dessen Vater Kabyle (algerischer Berber) und dessen Mutter Roma war, ist auch die Retrospektive des Festivals gewidmet.
Sein wohl größter Erfolg war 2004 der Regie-Preis beim Festival in Cannes für den Film "Exile". Gatlifs Filme handeln oft vom Schicksal der Volksgruppe der Roma. Ein wesentliches Element in seinem Werk ist die Musik. Auch in "Djam" spielte sie eine Hauptrolle, hier ist es der Musikstil Rembetiko, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Verbindung der Volksmusik Griechenlands und der osmanischen Musiktradition in griechischen Städten hervorgegangen ist. Für den Regisseur eine "Musik der Ungeliebten, der Menschen, die darauf stolz sind, wer sie sind, subversive Musik, deren Texte Worte sind, die heilen können."
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Ehrengast Mikis Theodorakis
Das wird sicherlich auch Mikis Theodorakis so sehen, ein Ehrengast des Festivals in Hof in diesem Jahr. Der weltbekannte griechische Komponist und Musiker präsentiert den Dokumentarfilm "Dance Fight Love Die". Der griechisch-deutsche Regisseur Asteris Koutoulas hat Theodorakis 25 Jahre auf seinen Konzertreisen begleitet - und präsentiert das Ergebnis nun auf großer Leinwand.
Um zwei Ikonen der Filmgeschichte geht es im Bereich Dokumentarfilm, wie immer fester Bestandteil des Programms in Hof. "Beate und Marlene" von Regisseur Hendrik Lietmann wirft einen Blick auf die langjährige Freundschaft zwischen Marlene Dietrich und der Publizistin Beate Klarsfeld. Und "Bombshell: The Hedy Lamarr Story" von Alexandra Dean stellt die Hollywood-Legende Hedy Lamarr vor, die nicht nur als Leinwandgöttin in Erinnerung geblieben ist, sondern auch als Erfinderin im Bereich der drahtlosen Datenübertragung.
"Das Festival ist extrem gut aufgestellt und ständig in Bewegung", sagt Thorsten Schaumann über seine ersten Hofer Filmtage in Eigenregie und meint damit auch ganz besonders die deutschen Beiträge: "Das ist echt spannend, mit welchen Themen sich junge Regisseure beschäftigen. Da geht es um soziales Engagement, um wildes Partyleben, um Selbstbestimmung und um aktuelle gesellschaftspolitische Probleme." Das schließt auch das Thema Flüchtlinge und Migration ein. Gleich mehrere Filme im Programm widmen sich diesem Dauer-Sujet der aktuellen Filmszene.
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Jochen Kürten    
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Datum: 26.10.2017
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