33. Internationales Stummfilmfestival in Bonn

Kino | Präsentationen

Kino auf Riesenleinwand mit Musik

Stummfilme vor 1500 Besuchern, Livemusik und Gäste aus aller Welt. Das Bonner Festival setzt auf ein ausgefallenes Programm. Festivalchef Stefan Drößler über das Erfolgsgeheimnis bei Präsentation eines Nischenprodukts.
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Deutsche Welle: - Herr Drößler, zeigen Sie beim Festival eigentlich auch restaurierte Filme?
Stefan Drößler: - Mir gefällt dieser Hype nicht, was heißt schon "frisch restauriert"? Man muss sehr vorsichtig sein mit diesem Begriff. Heute schreit jeder, wenn ein Film digitalisiert ist, der sei restauriert. Man bekommt heute eine DVD gar nicht mehr verkauft, wenn man nicht "restauriert" drauf schreibt. Ich beziehe mich immer auf den Begriff "rekonstruiert". Das heißt, das sind Filme, die man zusammensetzt und die dann vollständiger sind, als sie es vorher waren. Das ist für mich interessanter.
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-Ist denn im Programm 2017 ein rekonstruierter Film dabei?
-Der Eröffnungsfilm "Die kleine Veronika". Das war ein verschollener Film. Der ist zwar nicht aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt worden, aber der schlummerte unbemerkt in einem Archiv unter einem anderen Titel.
In Deutschland lief er unter dem Titel "Unschuld": Das war ein etwas gewagter Stoff über ein Mädchen vom Land, das nach Wien geschickt wird - der Film hat wunderbare Aufnahmen von Wien. Es lebt dann bei seiner Tante, wo alle ganz nett zu ihm sind. Das Mädchen blickt nicht so ganz durch, weil es eigentlich in einem Rotlichtmilieu gelandet ist. Deswegen sind die Damen da alle zu bestimmten Zeiten sehr beschäftigt. Das legt der Film dann langsam offen. Das ist ein sehr unterhaltsamer Film, der das Milieu aber keineswegs bösartig oder spekulativ darstellt. Das war ein gewagtes Thema, deswegen hat man lange nicht erkannt, welcher Film das war. Er ist erst kürzlich vom österreichischen Filmmuseum restauriert worden.
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-Ein besonderer Film im diesjährigen Programm ist auch Arthur Robisons "Die Nacht nach dem Verrat" ("The Informer"). Warum?
-Jahrelang habe ich persönlich darauf gewartet, weil ich den Film so toll fand: "The Informer" von Arthur Robison ist ein englischer Film, von dem nur eine Kopie existierte, ein Film, bei dem die erste Hälfte stumm war und die zweite Ton hatte. Der ist damals als Stumm- und als Tonfilm gedreht worden, zweimal! Aus irgendwelchen Gründen hat jemand eine Kopie zusammengesetzt, so dass der Film eine halbe-halbe-Mischung war.
Im British Film Institute haben sie aber die Originalmaterialien gehabt. Jetzt ist die stumme Fassung komplett restauriert worden. Man sieht in "The Informer" stark die expressionistischen Einflüsse aus Deutschland. Viele deutsche Filmtechniker waren damals am Werk, die sind alle im Rahmen internationaler Produktionen nach England eingeladen worden. Arthur Robison hatte in Deutschland den expressionistischen Film "Schatten" gedreht. Die Set-Designer von den berühmten deutschen expressionistischen Stummfilmen haben "The Informer" damals ausgestattet. Das ist ein richtig toller, sehr spannender Film über einen Verräter, der von irischen Freiheitskämpfern gejagt wird.
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-Sie haben sogar einen chinesischen Stummfilm im Programm, wie sind Sie auf den gestoßen?
-Ja, es läuft der erste chinesische Stummfilm von 1922, der komplett erhalten ist. Wir haben ja das Problem, dass die Leute nicht so viele Stummfilme kennen. Jeder hat seine Klischees von Stummfilmen im Kopf. Die möchten wir gerne aufbrechen und zeigen, dass Stummfilm nicht nur Slapstick-Komödie, nicht nur stilisiertes, übertriebenes Schauspiel aus dem Expressionismus ist. Es gab damals alles, was es heute auch gibt. OK, die Special Effects waren noch ein bisschen weniger teuer, aber die waren auch aufwendig. Das Schnitttempo konnte sehr schnell sein. Es gibt russische Filme, die sind so schnell geschnitten, da können auch heutige Filme kaum schneller sein. Die Idee des Festivals ist es, den Stummfilm in all seinen Ausdrucksmöglichkeiten und Formen zu präsentieren.
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-…deshalb auch ein chinesischer Film?
-Wir suchen immer Filme aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Es hat mich immer sehr geärgert, dass wir in den ersten Jahren des Festivals nie an chinesische Filme herangekommen sind. In meiner Funktion als Leiter des Münchener Filmmuseums komme ich etwas herum und bereise auch Länder, in denen ich Vorträge halte und Restaurierungen von uns vorstelle. So ist es uns gelungen, eine Kooperation mit dem chinesischen Filmarchiv hinzubekommen. Wir haben in den letzten Jahren immer einen chinesischen Film im Programm gehabt - so wie wir das schon seit langer Zeit mit den Japanern machen.
Es gibt sicher noch einige chinesische Filme, von deren Existenz wir noch gar nichts wissen - die arbeiten auch erst ihre Geschichte auf. Wir wollen die rund 20 bis 30 chinesischen Stummfilme, die ich gesehen habe, jetzt abarbeiten. Dass zumindest die Titel, die ich für sehr gut und wichtig halte, einem großen Publikum gezeigt werden.
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-Wie sieht es heute generell mit Stummfilmen aus? Wer interessiert sich heute überhaupt noch dafür?
-Es ist sehr viel einfacher geworden, Stummfilme zu zeigen. Als wir hier anfingen, 1985, konnten Stummfilme nur mit speziellen Projektoren in der richtigen Geschwindigkeit gezeigt werden, man brauchte spezielle Bildfenster, um den richtigen Bildausschnitt zu haben. Es gab allerhand Schwierigkeiten, einen Stummfilm adäquat zu präsentieren. Heute, in der digitalen Zeit, kann jeder die Filme zeigen, wenn sie denn digital vorliegen. Insofern ist die Verbreitung viel größer heutzutage.
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-Wie präsentieren Sie die Filme in Bonn?
-Es ist natürlich etwas anders, sich einen Stummfilm zu Hause auf DVD anzuschauen, als wenn man ihn auf großer Leinwand sieht, und das Ganze auch noch einen Livecharakter bekommt, weil Musik dazu aufgeführt wird. Dieser Charakter wird beim Stummfilmfestival in Bonn besonders betont. Wir haben sehr gute Musiker, die wir immer wieder einladen. Die reservieren sich den Sommer inzwischen, um nach Bonn zu kommen. So bekommt das Ganze einen Konzert- und Live-Event-Charakter. Die Musiker spielen nicht nach Noten, die improvisieren. Sie lassen sich auch von den Zuschauern im Rücken und der Atmosphäre vor Ort inspirieren, so dass man einzigartige Erlebnisse hat. Wenn sie nochmal eingeladen werden und denselben Film begleiten, dann wird das wieder anders sein.
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-Und obwohl eine bestimmte Generation von Cineasten, die sich noch sehr für Stummfilme interessiert hat, ausstirbt, ist das Interesse riesengroß?
-Viele junge Leute kommen zu uns auf den Hof vor dem Schloss, die Veranstaltung ist kostenfrei, man hat also keine Hürde. Man kann einfach mal reinschnuppern. In der Regel sind die Filme so ausgewählt, dass jemand für fünf Minuten reinschaut und dann auch bis zum Ende bleiben will. Wir haben es recht selten, dass die Leute während der Vorstellung rausgehen. Normalerweise sind die Plätze so begehrt, dass die Leute schon sehr früh kommen und dann ihren Platz auch nicht mehr aufgeben. Da wächst auch immer etwas nach.
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-Welche Musik präsentieren Sie zu den Filmen?
-Viele zeigen heute Stummfilme mit moderner Musik. Es werden meist immer nur die großen Titel wie "Metropolis" oder "Berlin, Sinfonie einer Großstadt" gezeigt, weil die Veranstalter dann sicher sind, dass das Publikum kommt und der Applaus groß ist, weil der Film so toll ist. Das ist heute modern, da halten wir uns aber etwas zurück.
Mir als Historiker ist es wichtig, dass wir gute Musik haben, die auch authentisch zum Film passt und auch noch das Erlebnis so wiedergibt wie bei der Premiere des Films. Mit der modernen Musik wird der Film dagegen oft zum Videoclip degradiert. Für uns soll der Film im Vordergrund stehen. Wir arbeiten nur mit einem bis maximal drei Musikern, weil die noch direkt mit dem Bild kommunizieren.
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-Es treibt Sie also auch die Entdeckerfreude an - und mit der haben Sie Erfolg?
-Da stehen 1200 bis 1500 Plätze bereit. Die sind in der Regel zum allergrößten Teil besetzt. Die Filme laufen eigentlich nicht unter 1000 Besuchern! Es gibt durchaus Abende, wo es so überfüllt ist, dass die Leute nicht mehr reinkommen. Das Festival hat sich so gut entwickelt, dass ich mir als Programmmacher keine Sorgen mehr machen muss. Ich muss nicht "Metropolis", "Panzerkreuzer Potemkin", "Nosferatu" oder "Berlin, Sinfonie der Großstadt" zeigen. Diese etwa ein Dutzend großen Titel, die die Leute kennen, muss ich nicht zeigen. Beim Bonner Stummfilmfestival laufen sehr ausgefallene Werke, die die Leute nicht kennen. Die Hälfte der Filme, die da laufen, sind so was von unbekannt, die kann keiner kennen, der da hinkommt.
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Stefan Drößler gründetete 1985 das Bonner Sommerkino, das seit 1995 ausschließlich Stummfilme zeigt. Seit 1999 ist Drößler zudem Direktor des Münchner Filmmuseums.
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Das Gespräch führte Jochen Kürten.
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Datum: 12.08.2017
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