10 Gewinner der Goldenen Palme, die in Erinnerung bleiben

Kino | Präsentationen

1955 wurde die Auszeichnung erstmals vergeben. Seither haben sich viele bedeutende Regisseure in die Siegerliste eingetragen - darunter nur eine Frau. 70 Jahre Cannes: Unser Rückblick.
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Zehn denkwürdige Gewinner der Goldenen Palme
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Paris, Texas (1984)
1979 hatte Volker Schlöndorff für seine Literaturverfilmung von "Die Blechtrommel" die erste Goldene Palme nach Deutschland geholt. 1984 zog Wim Wenders nach. "Paris, Texas" eroberte das Publikum und die Jury im Sturm und verschaffte dem "Neuen Deutschen Film" weltweiten Ruhm und Anerkennung. Hier spielte Nastassja Kinski - an der Seite von Harry Dean Stanton - die Rolle ihres Lebens.
Blau ist eine warme Farbe (2013)
Vor vier Jahren begeisterte der Film "Blau ist eine warme Farbe" das Festivalpublikum. Der französische Regisseur Abdellatif Kechiche erzählte die Liebesgeschichte zweier junger Frauen derart intensiv, dass die Jury die Goldene Palme nicht nur dem Regisseur zusprach, was die Regel ist, sondern auch den beiden grandiosen Schauspielerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos.
Das weiße Band (2009)
Einig war sich die Jury auch, als 2009 "Das weiße Band" ausgezeichnet wurde. Der in München geborene Österreicher Michael Haneke bekam den Preis für einen Film, dem es gelang, die bedrückende Atmosphäre in einem kleinen norddeutschen Dorf vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nachdrücklich auf die Leinwand zu bringen. Haneke bekam dann 2012 direkt noch eine Goldene Palme für sein Drama "Liebe".
Pulp Fiction (1994)
Als filmische Sensation wurde 1994 der zweite Spielfilm des US-Regisseurs Quentin Tarantino gefeiert. Komplex aufgebaut, ironisch und verspielt erzählt, brachte "Pulp Fiction" eine damals neue Note in das moderne amerikanische Erzählkino. Der Film errang schnell Kultcharakater und beeinflusste in der Folge zahlreiche Regisseure und Drehbuchautoren weltweit.
Das Piano (1993)
Ein Jahr zuvor hatte es bei der Verleihung der Goldenen Palme ebenfalls eine Sensation gegeben. Allerdings eine, die man sich schon früher gewünscht hätte. Für ihr melancholisch erzähltes Auswandererdrama um eine stumme Pianistin bekam Regisseurin Jane Campion die Golde Palme. Die neuseeländische Regisseurin war damit die erste Frau, die diesen wichtigen Preis in Cannes erhielt.
Wild at Heart (1990)
Die Verleihung der Goldenen Palme 1990 war umstritten. David Lynchs wildes Road Movie, in dem einige Brutalitäten auf der Leinwand zu sehen sind und das verschiedene Genres verzahnte, spaltete die Jury. Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci, damals Präsident der Jury, setzte sich schließlich durch. Und so bereitete "Wild at Heart" das Publikum auf Regisseure wie Quentin Tarantino vor.
Yol - Der Weg (1982)
Dass Cannes nicht nur amerikanische und westeuropäische Filmkunst auszeichnet, bewies das Festival 1982. Mit "Yol - Der Weg" wurde erstmals ein türkischer Film mit dem Preis bedacht. Şerif Gören war bei den Dreharbeiten für Regisseur und Drehbuchautor Yılmaz Güney eingesprungen. Güney musste 1981 aus politischen Gründen aus seiner Heimat fliehen. 1984 starb der Regisseur im französischen Exil.
Viridiana (1961)
Der große spanisch-mexikanische Regisseur Luis Buñuel erhielt 1961 die Goldene Palme für "Viridiana". Nur drei Tage nachdem Buñuel in Cannes den Preis entgegengenommen hatte, wurde "Viridiana" in Spanien verboten. Die Zensoren des Franco-Regimes störten sich an der antiklerikalen und antibürgerlichen Haltung des Regisseurs. Heute gilt "Viridiana" als denkwürdiges Meisterwerk der Kinogeschichte.
Apocalypse Now (1979)
1979 sollte ein denkwürdiger Wettbewerbsjahrgang werden. Weil sich die Jury um ihre Präsidentin, die französische Schriftstellerin Françoise Sagan, nicht auf einen Film einigen konnte, gab es gleich zwei Goldene Palmen. Neben Francis Ford Coppolas Vietnam-Film "Apocalypse Now" wurde auch Volker Schlöndorff für seine Literaturverfilmung "Die Blechtrommel" mit der höchsten Festival-Ehre bedacht.
Taxi Driver (1976)
Im besten Fall hat Cannes mit seinen Entscheidungen für die Goldene Palme größere ästhetische Entwicklungen des Weltkinos abgebildet. 1970 bewies die Jury Fingerspitzengefühl mit der Auszeichnung für die Antikriegskomödie "MASH". Sechs Jahre später bekam Martin Scorseses "Taxi Driver" mit Jodie Foster und Robert De Niro den Preis. Beide Filme stehen für "New Hollywood", den Aufbruch des US-Kinos.
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Schaut man auf die Siegerlisten der wichtigsten Filmfestivals der Welt - Berlin, Cannes und Venedig - so fällt eines auf. Cannes hat wirklich eine ganze Menge an großartigen Meisterwerken der Filmgeschichte mit der Goldenen Palme bedacht: Filme, die in Erinnerung geblieben sind und sich in das Gedächtnis der Kinozuschauer eingegraben haben. Löwen und Bären in Gold dagegen gesellten sich immer wieder mal zu Werken, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Das blieb in Cannes die Ausnahme.
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Palmenliste glänzt
Bedarf es also noch eines Beweises für die Behauptung, dass Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt ist, so ist es allein schon diese Palmenliste. Palmen gibt es erst seit 1955. Davor - das Festival fand erstmals 1946 statt - wurde ein "Großer Preis" verliehen. Auch der hatte Gewicht. Nur konnten die Sieger damals noch nicht mit der schmucken Trophäe nach Hause gehen. Bis 1955 hatten französische Künstler den Hauptpreis individuell gestaltet. Danach gab es immer eine Palme in Gold, angelehnt an das Wappen der südfranzösischen Mittelmeer-Stadt. 2017 übrigens ist sie anlässlich des runden Jubiläums zusätzlich mit 167 Diamanten besetzt.
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Rossellini, Reed und Lean
In den ersten beiden Festivaljahren wurde die Auszeichnung vielfach aufgesplittert, gleich mehrere Filme ausgezeichnet. Darunter waren Meisterwerke wie Roberto Rossellinis neorealistisches Drama "Rom, offene Stadt" und David Leans Melodrama "Brief Encounter". 1949 dann gab's nur noch einen Preis, den bekam Carol Reeds später zum Klassiker avancierter Film "Der dritte Mann".
Die erste "richtige" Goldene Palme ging dann 1955 in die USA an Regisseur Delbert Mann und seinen Film "Marty". Der war zwar ein weltweiter Erfolg, ist aber heute kaum noch bekannt - und somit einer der wenigen Palmensieger, der nicht grandios in Erinnerung geblieben ist. Ein Jahr später wartete die Jury um Präsident Maurice Lehmann, eine französische Theatergröße, mit einer faustdicken Überraschung auf: Ausgezeichnet wurde "Die schweigende Welt" vom Unterwasserpionier Jacques-Yves Cousteau und Nachwuchs-Regisseur Louis Malle - ein Dokumentarfilm.
Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis wieder eine Dokumentation in Cannes ausgezeichnet wurde: "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore im Jahre 2004. Die Liste der Preisträger in den Jahrzehnten nach dem Duo Cousteau/Malle ist überaus prominent: Federico Fellini und Luchino Visconti, Michelangelo Antonioni, Francesco Rosi und die Taviani-Brüder bildeten unter anderem in den ersten Jahrzehnten die Stärke des italienischen Kinos ab.
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Große Franzosen gingen leer aus
Auch Frankreich wurde in der Heimat natürlich mehrfach ausgezeichnet: Henri-Georges Clouzot, Jacques Demy, Claude Lelouch trugen sich in die Siegerliste ein. Auffallend allerdings: die berühmteren Kollegen Jean-Luc Godard, François Truffaut und Claude Chabrol eroberten nie eine Goldene Palme. An mangelnder Präsenz der französischen Regisseure kann das nicht liegen. Im Wettbewerb finden sich stets besonders viele einheimische Produktionen. Wohl eher an der international besetzten Jury, die gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen will, hier gebe es einen Bonus für den Gastgeber.
Auch Großbritannien war mit Siegern wie Richard Lester, Joseph Losey, Mike Leigh und Ken Loach mehrfach dabei, wenn es am Ende des Festivals um die Preise ging. Osteuropa eroberte Goldene Palmen im Jahre 1958 mit "Die Kraniche ziehen" von Michail Kalatosow (Sowjetunion), 1981 mit "Der Mann aus Eisen" von Andrzej Wajda (Polen) und 1985 mit "Papa ist auf Dienstreise" von Emir Kusturica (Jugoslawien).
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Deutschland holte zweimal die Palme
Deutschland ist zweimal auf der Siegerliste von Cannes verewigt, mit Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel", 1979) und Wim Wenders ("Paris, Texas", 1984). Auch japanische Regisseure eroberten mehrfach Palmen, hier gehörten Regisseure wie Teinosuke Kinugasa ("Das Höllentor", 1954) und Akira Kurosawa ("Kagemusha", 1980) zu den Glücklichen.
Und natürlich gingen einige Goldene Palmen auch in die USA: Orson Welles holte 1951 eine für seinen "Othello", später kamen William Wyler, Robert Altman, Francis Ford Coppola und Martin Scorsese hinzu. Überraschend, aber unbedingt verdient, war 1989 die Auszeichnung für "Sex, Lügen und Video" von Steven Soderberg.
Auch nach China ging eine der begehrten Auszeichnungen. Chen Kaige holte den Preis 1993 für sein eindrucksvolles Epos "Lebewohl, meine Konkubine", 2010 folgte der Thailänder Apichatpong Weerasethakul mit "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben". Auch etliche kleine Kinonationen konnten sich in Cannes verewigen: Goldene Palmen gingen nach Belgien und Griechenland, nach Rumänien und in die Türkei, ebenso nach Spanien und Skandinavien.
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Bären für unbekanntere Kinonationen
Länder anderer Kontinente blieben bei den Siegerehrungen in Cannes die Ausnahme: Brasilien gewann 1962, Algerien 1975 und der Iran 1997. Auf diese Kinoregionen schaute später die Berlinale intensiver und eroberte mit der Vergabe des Goldenen Bären an neue und unbekanntere Kinonationen zumindest auf diesem Feld einige Meriten. An die internationale Wertschätzung der Goldenen Palme kamen im Laufe der Jahrzehnte aber weder Bär noch Löwe heran. So darf man in diesen Tagen gespannt sein, wer im Jahrgang 2017 den wichtigsten Festivalpreis in der Welt des Kinos erringt. 19 Filme und ihre Regisseure dürfen sich Hoffnung machen.
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Jochen Kürten
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Datum: 29.05.2017
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